Die Tschernobyl-Katastrophe > Vertuschung und dilettantischer Umgang mit Tschernobyl

Systematisches Verheimlichen der Katastrophe

Michail Gorbatschow: "Glasnost" mit Ausnahmen

Nicht anders als 25 Jahre später die Auswirkungen der Fukushima-Katastrophe wurde auch der GAU von Tschernobyl verheimlicht, solange es der sowjetischen Regierung möglich war – trotz "glasnost" (Offenheit), die in der Sowjetunion versprochen worden war. Kritik und Panik sollten vermieden werden.

"Die Einwohner von Pripjat haben die Detonation gehört und die Rauchwolke über dem Werk gesehen, aber niemand warnt sie. Nur einige Leute mit Beziehungen und mit Telephon packen ihre Sachen und suchen das Weite. Die Bürger von Tschernobyl erfahren nichts. (...) Der Sonnabend geht vorüber, ohne daß noch irgend etwas geschieht - keine Alarmierung der Bewohner, keine Evakuierung, keine Information an die Öffentlichkeit."[1]

Diese Informationspolitik wurde vom Generalsekretär Michail Gorbatschow persönlich angeordnet, wie aus dem Protokoll einer Sitzung des Politbüros der KPdSU vom 29. April 1986 hervorgeht. Gorbatschow wörtlich: "Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, dass das Kraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Technik fällt"."[2]

Erst 76 Stunden nach dem GAU, am 29. April, als sich das Ausmaß der Katastrophe nicht mehr verheimlichen ließ, der Volksfeiertag zum 1. Mai bevorstand und empörte Anfragen aus Schweden eingingen, wurde die Weltöffentlichkeit informiert. "In der Inlandsausgabe der Regierungszeitung "Iswestija" steht ganz unten eine Acht Zeilen Meldung "Aus dem Ministerrat": "Im Kernkraftwerk Tschernobyl (...) in der Ukraine hat sich eine Havarie ereignet, einer der Atomreaktoren wurde beschädigt. Maßnahmen zur Beseitigung der Havarie-Folgen werden unternommen. Den Geschädigten wird Hilfe geleistet. Eine Regierungskommission ist gebildet worden." Das ist alles. Da an dem Ausmaß des Vorfalls auch in Moskau nun kein Zweifel mehr herrscht, handelt es sich bei dieser Bekanntmachung nicht mehr nur um ein Herunterspielen, sondern um eine bewußte Täuschung (…)." Weitere Einzelheiten wurden nicht bekanntgegeben, auch am 1. Mai nicht, an dem sich Tausende in Moskau und Kiew im Freien aufhielten. Informationen erhielt man nur aus ausländischen Medien.[3]

Am 12. Mai versuchte Walentin Falin, damaliger Vorstandsvorsitzender der sowjetischen Nachrichtenagentur "Nowosti", die Informationspolitik der Regierung zu verteidigen. Die Regierung selbst sei erst verspätet informiert worden, und es hätte in den USA dreimal so lange gedauert als in der Sowjetunion, bis die Öffentlichkeit über den Atomunfall von Harrisburg/Three Mile Island, USA 1979 Bescheid gewusst habe.[4]

Gorbatschow selbst hatte andere Sorgen, als das Schicksal derjenigen, die direkt von der Katastrophe betroffen waren. Das sowjetische Energieprogramm sollte weiterlaufen, die Berichte über den geheimgehaltenen GAU wurden als "Erfindungen und Märchen" des Westens bezeichnet und seien seien "Ausdruck der Unmoral und der Unmenschlichkeit", so der Vizeaußenminister Kowaljow.[5]

Region um Tschernobyl, Satellitenbild 1997

Die Wahrheit ans Tageslicht brachte ein Bericht der ukrainischen Journalistin und späteren Volksdeputierten Alla Jaroshinskaja, die für ihre Recherchen 1994 den Alternativen Nobelpreis erhielt. So mussten Ärzte Krankenberichte verstrahlter Patienten verheimlichen, Karten und Messdaten über betroffene Städte wurden frisiert, auf Anordnung höchster Stellen wurde kontaminiertes und nicht kontaminiertes Fleisch gemischt. "Man hätte es auch vernichten können, wäre dann aber auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen gewesen, was Eingeständnisse, die ja von der Welt gar nicht verlangt wurden, vorausgesetzt hätte. (...) Detailliert wurde angeordnet, wie die Wurst zu mischen sei: Empfohlen wurde ein Verhältnis von 1 zu 10 mit "normalem" Fleisch. Bei der Milch wurden die Grenzwerte so lange heraufgesetzt, bis sie "sauber" war, allerdings mit dem Vermerk "Nicht exportgeeignet"." Jarohinskaja rettete geheime Protokolle des Politbüros der kommunistischen Partei vor der Vernichtung. Diese enthielten "Berichte des Verteidigungsministeriums über Verfahren, wie die Strahlendosis aus den Akten jener Helfer zu tilgen sei, die nicht akut an der Strahlenkrankheit litten".[6]

In einem Gastbeitrag in der Zeitung "Die Welt" wies Gorbatschow im Jahr 2006 den Vorwurf zurück, der Öffentlichkeit das wahre Ausmaß der Katastrophe verheimlicht zu haben. Das Politbüro hätte selbst nicht über alle Informationen verfügt. Dies ist vor dem Hintergrund der hier aufgeführten Recherchen in der "Zeit" und im "Spiegel" kaum glaubhaft. Die Katastrophe hätten ihm die Augen über die Gefahren der Atomkraft geöffnet, behauptete Gorbatschow weiter.[7] Dies hinderte ihn aber nicht daran, weitere Atomkraftwerke in Betrieb zu nehmen.

→ Der Spiegel 16/1987 Gott ist in dem, der Kiew rettete - Tschernobyl: Die Enthüllung der Katastrophe in sowjetischen Berichten (I) vom 13. April 1987
→ Der Spiegel 17/1987 Gott ist in dem, der Kiew rettete - Tschernobyl: Die Enthüllung der Katastrophe in sowjetischen Berichten (II) vom 20. April 1987

Allen Katastrophen zum Trotz …

AKW Tschernobyl, Bauruine Reaktor 5

… wurde in der Sowjetunion die Nutzung der Kernenergie unmittelbar nach der Katastrophe vorangetrieben. Die Tschernobyl-Reaktoren 1 bis 3 wurden wieder hochgefahren, die Einheiten 5 und 6 sollten fertiggestellt werden. Die Arbeiter erhielten den fünffachen Lohn und wurden in einer neuen Stadt angesiedelt. Die Produktion von Atomstrom sollte innerhalb von 13 Jahren verfünffacht werden.[3]

Nach dem GAU ereigneten sich 1991, 1995 und 1998 weitere Störfälle in der Anlage.
Tschernobyl (Ukraine)

Die Neubaupläne in Tschernobyl wurden später aufgegeben und die aktiven Reaktoren abgeschaltet.[8] Tschernobyl-3 wurde im Dezember 2000, also fast 15 Jahre nach der Katastrophe, durch den ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma vom Netz genommen, und das nur aufgrund internationalen Drucks.[9]

In den direkt betroffenen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, Russland, Ukraine und Weißrussland, hat man aus der Katastrophe nichts gelernt. Bis heute werden Reaktoren vom Typ Tschernobyl betrieben: im AKW Leningrad bei Sankt Petersburg, in dem es 1975 bereits einen konstruktionsbedingten Unfall ähnlich wie in Tschernobyl gab, sowie in Kursk und Smolensk.[10]

Auch in vielen anderen Staaten der Welt wurde die Atomenergie nach 1986 weiter ausgebaut. In Deutschland wurden zwar vorübergehend Forderungen nach einem Atomausstieg laut. Helmut Kohl wollte den Ausbau der Atomenergie jedoch ungeachtet des GAUs weiter forcieren. Nach Tschernobyl gingen bis 1989 noch sechs zusätzliche AKW in Deutschland ans Netz. Nur der Schnelle Brüter in Kalkar und die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf ließen sich politisch nicht mehr durchsetzen.

→ AtomkraftwerkePlag: Atompolitik/Helmut Kohl: Atomkraft trotz Tschernobyl

(Letzte Änderung: 29.01.2020)

Einzelnachweise

  1. DER SPIEGEL 16/1987: Gott ist in dem, der Kiew rettete vom 13. April 1987
  2. Zeit Online: GAU in Tschernobyl - "Sie standen im radioaktiven Staub und wussten es nicht" vom 26. April 2011
  3. 3,0 3,1 DER SPIEGEL 17/1987: Gott ist in dem, der Kiew rettete vom 20. April 1987
  4. DER SPIEGEL 20/1986: Wir waren innerlich nicht vorbereitet vom 12. Mai 1986
  5. DER SPIEGEL 21/1986: In Tschernobyl eine glühend aktive Zone vom 19. Mai 1986
  6. FAZ.net: Die letzten Liquidatoren vom 26. April 2011
  7. Welt Online: Todesstoß für die UdSSR: Gorbatschow über die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl vom 21. April 2006
  8. iaea.org: Power Reactor Information System: Ukraine abgerufen am 24. Dezember 2012
  9. Handelsblatt: Letzter Tschernobyl-Reaktor abgeschaltet vom 15. Dezember 2000
  10. DER SPIEGEL 12/2011: Das Modell taugt nichts vom 21. März 2011
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