Atomtransporte > Transporte auf Gewässern

2010

Hamburger Hafen

Wie auf Straßen und Schienen, nimmt man es auch bei Seetransporten mit der Sicherheit nicht so genau. Im März 2010 wurde Uranhexafluorid in einem völlig durchgerosteten Container über den Atlantik und anschließend auf einem Sattelzug durch Hamburg und auf der A1 transportiert. Erst in Bremen wurde der Container von der Polizei gestoppt, dessen Ziel die Urananreicherungsanlage Gronau war. Es wurden "extrem starke Durchrostungen an tragenden Bauteilen" des Containers festgestellt.[1]

2011

Im April 2011, kurz nach der Fukushima-Katastrophe, transportierte das russische Frachtschiff Kapitän Kuroptev hochgiftige radioaktive Stoffe von St. Petersburg über Hamburg nach Antwerpen. "Erteilt wurde eine Genehmigung für maximal 10 Transporte von maximal 5.000 kg Uranhexafluorid (UF6) von Moskau zu dem Brennelementehersteller Advance Nuclear Fuels (ANF) in Lingen." Das Schiff lag wegen eines technischen Schadens nach der Abfahrt von St. Petersburg mehrere Tage im Finnischen Meerbusen fest, bevor es weiterfahren konnte.[2]

2012

Die ständig zunehmenden Transporte von radioaktiven Stoffen auf See und über deutsche Häfen können nicht verhindert werden, weil Deutschland sich über internationale Vereinbarungen und Bundesgesetze dazu verpflichtet hat. Aus diesem Grund konnte beispielsweise die Landesregierung in Schwerin einen Transport von hochradioaktivem Atommüll oder Brennelementen über den Rostocker Hafen nicht unterbinden. Dies sei "verfassungsrechtlich fragwürdig."[3]

Im Midgard-Hafen von Nordenham wurde am 31. Juli 2012 eine Ladung mit 25 abgebrannten Brennelementen aus dem Berliner Forschungsreaktor umgeschlagen. Es wurde kritisiert, dass solche Transporte überwiegend ohne Polizeischutz durchgeführt werden.[4]

Im November 2012 protestierten Atomkraftgegner gegen den Transport plutoniumhaltiger MOX-Brennelemente durch das Schiff "Atlantic Osprey" nach Nordenham und mit Lastwagen weiter zum AKW Grohnde.[5]

2013

Über die Stadtgebiete von Bremen und Hamburg laufen nach wie vor viele Atomtransporte. Gegen eine Verbotsklausel, die in das Bremische Hafenbetriebsgesetz mit dem Ziel aufgenommen wurde, solche Transporte zu verhindern, klagte die atomkraftfreundliche Bremer CDU. Die EU prüft, ob die Klausel dem EURATOM-Vertrag widerspricht. Es werden unter strenger Geheimhaltung ständig Ausnahmeanträge gegen die Verbotsklausel eingereicht.[6] Der Bremer Senat möchte Atomtransporte in den Häfen Bremens weiter verhindern, auch wenn ihm eine EU-Klage droht.[7]

Im Hamburger Hafen werden laut einer Antwort des Senats auf eine kleine Anfrage mehr radioaktive Ladungen als bislang bekannt umgeschlagen. Der Senat darf aus Sicherheitsgründen keine genauen Angaben dazu liefern. Umweltschützer vermuten, dass wöchentlich zwei Transporte über die Elbe direkt an Hamburg vorbei von und zu den Anlagen in Gronau und Lingen abgewickelt werden.[8]

Auf einem am 1. Mai 2013 in Brand geratenen Frachter im Hamburger Hafen befanden sich nach Recherchen des NDR 20 Tonnen radioaktiver Substanzen, darunter hochgiftiges Uranhexafluorid. Der Brandherd lag in unmittelbarer Nähe der Behälter. "Nur wenige Hundert Meter entfernt wurde der Eröffnungsgottesdienst des Evangelischen Kirchentages in der Hafencity gefeiert." Hamburg blieb glücklicherweise von einer Katastrophe verschont.[9]

Im Juni 2013 wies der NDR aufgrund eigener Recherchen darauf hin, dass Atommüll auf Personenfähren, beispielsweise zwischen Rostock und dem schwedischen Trelleborg. transportiert wird. Dies ist völlig legal, zugleich aber geheim: Passagiere und Katastrophenschutz werden nicht darüber informiert. Die Reederei behauptet, sie halte alle Vorschriften ein.[10] Schon im Juni 2011 hatte die "taz" darauf hingewiesen, dass Brennstäbe mit geringer Strahlung in Personenfähren über die Ostsee transportiert werden.[11]

Frachtschiff Mikhail Lomonosov

Im Oktober 2013 kam es zu einem Schiffsunfall vor Rügen, als der russische Frachter "Mikhail Lomonosov" aus St. Petersburg, der radioaktives Uranhexafluorid und Urandioxid geladen hatte, die Seeverkehrsregeln missachtete und eine Segeljacht rammte. Die radioaktive Fracht wurde nach Hamburg gebracht.[12] Das Uranoxid war zu sogenannten Uran-Pellets gepresst und für das Brennelementewerk in Lingen bestimmt. Wären radioaktive Stoffe freigesetzt worden, hätte es keinen Notfallplan gegeben.[13]

Insgesamt wurden 2013 in Hamburg 500 mal Atomtransporte durch die Wasserschutzpolizei kontrolliert. Dabei wurden 70 meist formale Mängel entdeckt, in 13 Fällen jedoch sicherheitsrelevante Mängel. "Meist war die radioaktive Fracht auf den Schiffen nicht richtig gesichert. Es habe aber auch einige Fälle gegeben, bei denen aufgrund von Mängeln an den Transportcontainern selbst Beförderungsverbote ausgesprochen wurden".[14]

2014

Nach einem Bericht der "Ostsee-Zeitung" vom 11. März 2014 wird Rostock immer mehr zum Mittelpunkt für Atomtransporte. So wurden 2013 mit normalen Passagierfähren 334 Brennelemente über den Hafen von Rostock transportiert, für 68 Tonnen Uran gab es keine Genehmigung. Die Lieferungen gehen von diversen Atomfabriken aus: Westinghouse Electric im schwedischen Västerås, URENCO und der spanischen Avanzadas.[15]

Ähnliches gilt auch für Hamburg und seinen Hafen. Seit Februar 2014 wandern jeden zweiten Tag gefährliche radioaktive Stoffe durch die Stadt: bestrahlte Brennelemente, Plutonium, Uranerz-Konzentrat, Uranhexafluorid und Thorium 232. Der politische Wille, die Transporte zu unterbinden, fehlt.[16] Die Anzahl der Sicherheitsmängel hat im Vergleich zum Vorjahr zugenommen.[17]

2015

Am 14. September 2015 transportierte der Frachter "Mikhail Dudin" radioaktive Ladung von Kiel zum Nord-Ostsee-Kanal. Vom gleichen Frachter werden immer wieder radioaktive Substanzen von St. Petersburg nach Hamburg überführt. Im Februar 2015 war die Mikhail Dudin mit radioaktiver Fracht beladen und mit einem Maschinenschaden vor der Schleuse Kiel-Holtenau liegengeblieben.[18]

2016

Im Januar 2016 wurden atomare Brennstoffe aus Deutschland und der Schweiz zum niedersächsischen Hafen Nordenham transportiert und von dort über den Atlantik in die USA. Es handelte sich nach Aussagen der Bundesregierung u. a. um "Plutonium-Uran-Mischoxidpulver (MOX-Pulver) aus den Beständen des ehemaligen Kernforschungszentrums Karlsruhe". Der Transport war Teil eines internationalen Rückführungsprogramms mit dem Ziel, nukleare Materialien besser vor unbefugtem Zugriff zu schützen.[19]

2017

Ende Juni 2017 wurde zum ersten Mal der Neckar für einen Transport von Atommüll genutzt. Vom Zwischenlager Obrigheim, das aufgelöst werden soll, wurden Brennelemente in drei Castoren auf dem Neckar zum Zwischenlager Neckarwestheim überführt. Abgesehen von Störaktionen einiger Aktivisten soll es keine Komplikationen gegeben haben, vier weitere Transporte mit zwölf Castoren sollten folgen.[20]

2019

Im November 2019 protestierten Atomkraftgegner wochenlang gegen einen Uranhexafluorid-Transport, der von der Urananreicherungsanlage Gronau auf dem Frachter "Mikhail Dudin" nach Russland ging. Während die Atomkraftgegner das Uranhexafluorid als Atommüll ansehen und eine sichere Lagerung in Russland anzweifeln, wird dieses von der Firma URENCO als "Wertstoff" bezeichnet. Davon können nur zehn bis 20 Prozent angereichert werden, während der Rest als strahlender Müll in Russland zurückbleibt. Entsprechende Transporte waren bereits von 1996 bis 2009 durchgeführt, nach Protesten in Deutschland und Russland jedoch eingestellt worden. [21]

Weitere Quellen

→ Bürgerschaft der freien und Hansestadt Hamburg: Schriftliche Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Anjes Tjarks vom 06.05.13 und Antwort des Senats (Drucksache 20/7891) vom 17. Mai 2013
→ Deutschlandfunk: Radioaktives Material und jede Menge Munition an Bord vom 17. Mai 2013
→ AtomkraftwerkePlag: Radioaktive Verseuchung von Gewässern

Fernsehbeiträge

  • Geheimsache: Atommüll auf Fähren
    "Die Passagiere sitzen auf dem Sonnendeck und freuen sich auf den Urlaub. Was sie nicht wissen: Mit ihnen, im Bauch der Fähre, fährt radioaktives Material mit. Auf Lkw oder in Güterwaggons wird regelmäßig "Gefahrgut der Klasse 7" auf Personenfähren transportiert, so etwa von Rostock ins schwedische Trelleborg und zurück. Das haben Recherchen von Panorama 3 ergeben."[22]

    "Die schwedische Reederei Stena Line hat eingeräumt, auf einer einzigen Spezialfähre neben Passagieren auch schwach radioaktives Material zu transportieren. Es handle sich um Müll aus dem medizinischen Bereich, aber nicht aus Atomkraftwerken (...)"[23]
NDR_Panorama_3_-_Geheimsache_Atommüll_auf_Fähren

NDR Panorama 3 - Geheimsache Atommüll auf Fähren

Vom 18. Juni 2013

  • Radioaktive Fracht - Gefährliche Transporte
    "Es ist eine schöne Fahrt auf einer schwedischen Touristenfähre der Stena Line in Rostock. Was die Passagiere an Deck nicht ahnen: diese Fähre transportiert auch Atommüll. Ganz legal und mit einer speziellen Genehmigung der schwedischen Behörden."[24]
Radioaktive_Fracht_Passagiere_ahnungslos

Radioaktive Fracht Passagiere ahnungslos

ARD, Mittagsmagazin vom 2. Februar 2013

(Letzte Änderung: 18.06.2020)

Einzelnachweise

  1. Greenpeace: UF6-Transport bei Bremen gestoppt vom 11. März 2010
  2. heise.de: Atomtransporte durch Deutschland vom 6. April 2011
  3. Täglicher Hafenbericht: Verfassungsrechtlich fragwürdig - Rostock: Landesregierung kann Atomtransporte nicht verbieten vom 27. April 2012 (via WayBack)
  4. NWZ Online: Nordenham: Auch Abfall aus Berliner Reaktor verladen vom 31. Juli 2012
  5. Spiegel Online: Plutonium-Schiff in Niedersachsen Umweltaktivisten blockieren Kernkraftwerk Grohnde vom 18. November 2012
  6. heise online: Geheimstufe rot vom 17. Januar 2013
  7. heise online: Bremen bleibt konsequent vom 23. Januar 2013
  8. NDR: Mehr Atomtransporte als bislang bekannt? vom 17. Mai 2013 (via WayBack)
  9. NDR: Radioaktives Material auf brennendem Frachter vom 17. Mai 2013 (via WayBack)
  10. NDR: Geheimsache: Atommüll auf Fähren vom 18. Juni 2013 (via Wayback)
  11. taz.de: Atomtransporte per Fähre: AKW-Futter an Bord vom 17. Juni 2011
  12. na presseportal: Schiffsunfall vor Rügen: Frachter hatte radioaktives Gefahrgut geladen vom 21. Oktober 2013
  13. heise.de: Radioaktive Ladung im Nachhinein bestätigt vom 27. Oktober 2013
  14. NDR: Sicherheitsmängel bei Atomtransporten vom 4. März 2014 (via WayBack)
  15. Ostsee-Zeitung: Rostocker Seehafen wird zur Drehscheibe für Atomtransporte vom 11. März 2014 [kostenpflichtiger Artikel]; Auszüge finden sich in: Anti Atom Berlin: Rostocker Seehafen wird zur Drehscheibe für Atomtransporte vom 7. Mai 2014 (via WayBack)
  16. taz.de: Atomtransporte in Hamburg - Gefährliche Drehscheibe vom 29. Mai 2014
  17. Zeit Online: Zahl der Sicherheitsmängel bei Atomtransporten gestiegen vom 28. Mai 2014
  18. BI Kiel: Pressemitteilung zu Protesten: Atomtransport auf dem Nord-Ostsee-Kanal nicht willkommen vom 14. September 2015
  19. Deutscher Bundestag: Atomtransporte mit Plutonium in die USA über Nordenham (Drucksache 18/9268) vom 25. Juli 2016
  20. Südwest Presse: Obrigheim Transport auf dem Neckar: Vier Castor-Touren folgen vom 29. Juni 2017
  21. tagesschau.de: Atomtransport nach Russland - Streit über den strahlenden Abfall vom 26. November 2019
  22. NDR.de: Geheimsache: Atommüll auf Fähren vom 18. Juni 2013
  23. Focus Online: Schifffahrt - Stena Line: Schwach radioaktives Material auf Spezialfähre vom 19. Juni 2013
  24. daserste.de: Radioaktive Fracht - Gefährliche Transporte vom 2. Juli 2013 (via WayBack)
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