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Strahlung, Grenzwerte, Gesundheitsgefährdung > Sorgloser Umgang mit Radium

Hintergrund

Radium wurde zum ersten Mal 1898 vom Physiker-Ehepaar Marie und Pierre Curie extrahiert, das mit der stark strahlenden Substanz Selbstversuche durchführte und auch den befreundeten Physiker Henri Becquerel dazu animierte. Sie erhofften sich Fortschritte bei der Bekämpfung von Krebserkrankungen und fügten sich mit den Tests Verwundungen, Schuppenbildungen und schmerzhafte Verhärtungen der Haut zu.[1]

Die Entdeckung des Radiums löst einen regelrechten Boom aus, obwohl die Curies vor den Gefahren der Substanz warnten. Man hielt diese für gesundheitsfördernd, produzierte radiumhaltige Medikamente, "Kosmetika, Radiumzwieback, Radiumzigarren, eine Radiumseife und sogar eine Radiumzahnpasta." Radiumbäder wurden eröffnet, Trinkkuren und ab 1907 Uhren mit Radium-Leuchtziffern angeboten. Kindern schenkte man Stofftiere und Puppen mit radiumhaltigen Augen.[2] Es gab darüber hinaus Radium-Butter, Radium-Bier und Radium-Schokolade sowie Radium-Nutex-Kondome und Vita-Radium-Zäpfchen.[3]

Schönheits- und Pflegeprodukte

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Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Schönheits- und Pflegepräparate verkauft, die radioaktive Substanzen enthielten. Dies waren z. B. Gesichtscremes mit Radium.[3]

Das Unternehmen Auergesellschaft warb vor 70 Jahren für Zahncreme "Doramad", die radioaktives Radium und Thorium enthielt und bis 1945 in Deutschland verkauft wurde. Der Werbespruch lautete: "Ich bin die radioaktive Substanz. Meine Strahlen massieren das Zahnfleisch. Gesundes Zahnfleisch – gesunde Zähne."[3][4] Die radioaktiven Partikel in der Zahncreme wurden als "Schutzpolizisten" gegen die "die Feinde Ihrer Zähne" (Bakterien) vermarktet.[5] Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Zahncreme nicht mehr verkauft; ein Hund grub 2012 eine Tube Doramad in Bilfingen aus.[4]

Französiche Unternehmen vertrieben für Frauen die kosmetischen Produkte "Tho-Radia" und "Ramey Beauty-Accessoires" mit Radiumbromid und Thoriumchlorid. Diese sollten "die Durchblutung verbessern, die Haut straffen, die Talgproduktion regulieren, Poren verkleinern und Falten beseitigen."[6]

Radioaktive Energy-Drinks

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Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auch radiumhaltige Energy-Drinks vermarktet. Deren Hersteller behaupteten, dass diese Getränke nicht nur Energie lieferten, sondern auch eine Reihe von Beschwerden heilten; sie sollten zudem potenzfördernd sein. Einer dieser Drinks war Radithor, das einfach aus Wasser und darin gelöstem Radium bestand.[7]

Berühmtestes Opfer von Radithor war der Industrielle und Amateur-Golfer Eben Byers aus Pittsburgh. Er nahm den Drink zum ersten Mal zur Heilung eines gebrochenen Arms ein. Byers wurde abhängig und konsumierte über drei Jahre lang täglich eine oder zwei Flaschen Radithor. Das Radium lagerte sich in seinen Knochen ab. In seinem Schädel entstanden Löcher, er verlor den größten Teil seines Kiefers und litt unter weiteren Knochenkrankheiten. Am 31. März 1932 starb er einen qualvollen Tod.[7][8]

Daneben wurden Trinkkuren mit stark verdünnten Lösungen von Radiumsalzen gegen Krankheiten wie Gicht und Rheuma angeboten sowie Geräte, mit denen man selbst radiumhaltige Getränke herstellen konnte. Die Erkenntnis, dass die Strahlung durch Radium gesundheitsschädlich ist, setzte sich erst langsam durch.[2]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden zudem Radiumtrinkbecher hergestellt. Füllte man darin Getränke ein, löste sich das darin enthaltene Radium und es bildete sich ein radioaktives Edelgas, das man in den Körper aufnahm. 2019 entdeckte ein Frau ein solches Gefäß auf einem Flohmarkt, erkannte glücklicherweise die Gefahr und informierte die zuständige Strahlenschutzbehörde.[9]

"Radium Girls"

USA, während des ersten Weltkriegs: In der Uhrenfabrik US Radium Corporation und in anderen Unternehmen bemalten Frauen Uhren und andere Gegenstände ungeschützt mit Leuchtfarbe, die Radium enthielt. Die Haare der bei der Arbeit benutzen Kamelhaarpinsel spalteten sich in alle Richtungen, weswegen die Arbeiterinnen diese mehrere hunderte Male täglich mit der Zunge befeuchteten und anspitzten. Dadurch kamen sie in direkten Kontakt mit dem Radium. Manche Frauen bemalten sich mit der Farbe die Zähne oder schmierten diese in die Haare. Die Folge waren schwerste Erkrankungen und Todesfälle. Den Frauen fielen die Zähne aus, die Kieferkochen zerbrachen, und bei manchen fiel die Wirbelsäule auseinander. Diese Frauen gingen als "Radium Girls" in die Geschichte ein.[10]

Den Wissenschaftlern der Unternehmen waren die Gefahren des Radiums bewusst gewesen, den Arbeiterinnen nicht. Mehrere Frauen verklagten die US Radium Corporation, die jede Schuld von sich wies. Das Unternehmen "gab Studien in Auftrag, die beweisen sollten, dass der Kontakt mit Radium nicht der Grund für die Krankheiten der Frauen sei." Die US Radium Corporation fälschte sogar die Studie eines Harvard-Professors, der die schädliche Wirkung des Radiums eindeutig beschrieben hatte, ohne dessen Wissen. Es wurde behauptet, die Arbeiterinnen seien an Syphilis erkrankt. Auch Zeitungen versuchten, die Betroffenen herabzuwürdigen. Die Opfer erhielten schließlich eine einmalige Entschädigung von 10.000 US-Dollar; die US Radium Corporation bezahlte die Arztkosten und eine jährliche Rente von 600 Dollar. Viele der Frau verstarben allerdings bald – US-Historiker schätzten ihre Anzahl auf Tausende, andere Quellen gingen von weniger Todesfällen aus.[10]

→ Spiegel Online: "Radium Girls" - Frauen, die im Dunkeln leuchten vom 9. August 2018

Schweizer Uhren

2016 wurde durch die Medien publik gemacht, dass in der Schweizer Uhrenindustrie von den 1920er Jahren bis 1963 radioaktives und krebserregendes Radium-226 verwendet wurde. Uhrmacher bemalten damit Leuchtziffern und –zeiger in Heimarbeit. Viele der von den Uhrmachern bewohnten Gebäude sind heute noch verstrahlt und sollen dekontaminiert oder abgerissen werden. Kontaminiert sind auch Gärten oder die Kanalisation in der Nähe der Gebäude. Die Uhrenmitarbeiter seien sich der Gefahren des Radiums nicht bewusst gewesen. Wie viele erkrankten, ist unbekannt; es starben allerdings einige an den Spätfolgen. Die Kosten für die eingeleiteten Dekontaminationsmaßnahmen muss der Steuerzahler tragen, da die aktuellen Bewohner der Häuser nicht belastet werden können und die meisten der früheren Uhrenhersteller nicht mehr existieren. Später wurden andere Substanzen für Leuchtziffern und –zeiger verwendet, darunter das (leicht radioaktive) Tritium.[11]

Bundeswehr und NVA

In den 1990er Jahren stellte sich heraus, dass Soldaten und zivile Angestellte von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee (NVA), die seit 1956 in Anlagen mit Radarausrüstung arbeiteten, an Krankheiten litten oder früh verstarben, was man auf nicht beachtete Strahlung zurückführte. Deswegen wurde vom Bundesverteidigungsministerium eine Radarkommission eingesetzt, die 2003 einen Bericht lieferte. Neben der bei Radaranlagen auftretenden Röntgenstörstrahlung und elektromagnetischer Strahlung wurden auch Leuchtfarben mit dem Alphastrahler Radium als Ursachen für die Erkrankungen angesehen und als gefährlich eingeschätzt.

Ergebnis einer 2009 erschienen Studie war: Bei einer Gruppe von 4.417 Personen, die in zwei HAWK-Flugabwehrsystemen eingesetzt worden waren, "ergab sich eine um den Faktor 7,2 höhere Sterblichkeit an Leukämie und Lymphomen als zu erwarten." In einem 2015 veröffentlichten Bericht des Bundes zur Unterstützung Radargeschädigter e.V. wurde kritisiert, dass bei Anerkennungsverfahren betroffener Personen Gesundheitsrisiken durch ionisierende Strahlung unterschätzt werden.[12]

Radium im Mineralwasser

2000 entdeckte der WDR einen stark erhöhten Gehalt von Radium-226 in deutschen Mineralwässern. Der Verband deutscher Mineralbrunnen und Rolf Michel, Leiter des Zentrums für Strahlenschutz und Radioökologie der Universität Hannover, erklärten jedoch unisono, dass die Strahlungsdosen zu niedrig seien, als dass eine Gefahr davon ausgehen könne.[13]

(Letzte Änderung: 14.04.2021)

Einzelnachweise

  1. Süddeutsche Zeitung: "Ich mag ja das Radium" vom 31. Januar 2012
  2. 2,0 2,1 Ärztezeitung: Strahlen für die Gesundheit vom 16. Dezember 2011
  3. 3,0 3,1 3,2 Focus Online: Mit dieser Zahnpasta strahlen Ihre Zähne garantiert vom 17. April 2015
  4. 4,0 4,1 Augsburger Allgemeine: Hund buddelt in Bilfingen raioaktive Zahncreme aus vom 30. Juni 2012
  5. sueddeutsche.de: Irre Ideen aus dem Atomzeitalter: Strahlend weiße Zähne vom 3. Juni 2011
  6. stern.de: Das sind die 5 dümmsten Ideen, die wir in Sachen Kosmetik je hatten vom 5. Januar 2018
  7. 7,0 7,1 CNN: When energy drinks contained real (radioactive) energy vom 10. November 2016
  8. heise.de: Strahlende Schönheit vom 20. März 2009
  9. sueddeutsche.de: Radioaktiver Becher auf Flohmarkt: Strahlenschutzbehörde vom 16. Juli 2019
  10. 10,0 10,1 Focus Online: Frauen, die im Dunklen leuchteten - Die traurige Geschichte der "Radium Girls" vom 22. Februar 2019
  11. orf.at: Leben mit Radium 226 in der Wohnung vom 12. Januar 2016
  12. bzur.de: Gesundheitsgefahren durch Radium in Leuchtfarben bei der Bundeswehr vom 31. Januar 2015
  13. Spiegel Online: Radium im Mineralwasser - "Natürliche Strahlung"  vom 10. April 2000
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