Atomenergie in Europa > Schweiz > Rüthi (Schweiz)

Planungsbeginn: 1966 • Leistung: 800-900 MW • Geplante Inbetriebnahme: 1978 • Projektende: 1980


Geplantes AKW an schweizerisch-österreichischer Grenze

Industriegebiet von Rüthi am Rheintaler Binnenkanal

Bei der im Rheintal gelegenen Gemeinde Rüthi im Kanton Sankt Gallen in der Ostschweiz war in den 1970er Jahren ein Atomkraftwerk geplant, ein Vorhaben, das jedoch aufgegeben wurde.[1]

1963 hatte die Nordostschweizerische Kraftwerke AG (NOK) Boden von der Gemeinde Rüthi gekauft. Ein dort vom Kanton St. Gallen und der NOK zunächst geplantes Ölkraftwerk stieß bei der Bevölkerung auf heftigen Widerstand.[2]

1966 gab es erste Planungen für die Errichtung eines Atomkraftwerks bei Rüthi.[3]

Am 27. März 1972 stellte die NOK das Projekt offiziell vor.[4] Der Standort für das Atomkraftwerk sollte sich direkt an der Rheingrenze zu Österreich befinden. Die Anlage sollte nicht – wie anfangs gedacht – über eine Leistung von 600 bis 700 MW, sondern über 800 bis 900 MW verfügen und mit einem 150 m hohen Kühlturm ausgestattet werden. Die NOK wollte noch im gleichen Jahr eine Standort- und Betriebsbewilligung erhalten und das AKW bis 1978 fertigstellen. Die Kosten wurden auf 1 Mrd. Schweizer Franken geschätzt.[5][6]

Der damalige Bundespräsidenten Roger Bonvin unterstützte das Projekt,[7] aber auch Vertreter der Landwirtschaft, "weil die "Abfallwärme" eines Atomkraftwerkes angeblich für die Heizung von Treibhäusern genutzt werden oder für eine Bodenheizung von ca. 800 ha ausreichen könnte." Von Atomkraftgegnern wurde am 26. Juni 1975 der Verein "Atomkraftwerk Rüthi Nein" mit 500 Mitgliedern gegründet, dem auch diverse bürgerliche Politiker und Nationalräte angehörten. Es kam zu jahrelangen Protesten.[8][9]

Projektende 1980

Nachdem im Laufe der 1970er Jahre immer weniger Stimmen aus der Politik das Projekt für notwendig erachteten, stellte die NOK am 20. Februar 1980 die Vorarbeiten für Rüthi ein.[8] Eine Standortbewilligung war ohnehin nie erteilt worden.[10] 1988 erklärte der damalige Regierungsrat Willy Geiger im Namen der St. Galler Regierung noch einmal das definitive Nein zum Projekt.[2]

Der Verein "Atomkraftwerk Rüthi Nein" existierte indes weiter, protestierte nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 gegen die Atomkraft in der ganzen Schweiz[9] und löste sich erst am 25. November 1993 auf.[8]

Vorarlberger gegen AKW

Auch in Österreich war das Projekt bei der benachbarten Bevölkerung und der Landesregierung in Voralberg auf große Skepsis gestoßen.[5] Die Landesregierung argumentierte, dass "im Hinblick auf den gewählten Standort des Kraftwerkes und angesichts der klimatischen und topographischen Gegebenheiten Vorarlberg den überwiegenden Teil der nachteiligen Auswirkungen und Gefahren zu tragen hätte".[6]

1973 lehnten die Vorarlberger in einer Umfrage der "Vorarlberger Nachrichten" das Atomkraftwerk Rüthi mit 88,4 % der abgegebenen Stimmen ab.[11] In den 1970er Jahren protestierten österreichische Atomkraftgegner gegen die geplanten Projekte Zwentendorf (Österreich) und Rüthi an der Vorarlberger Grenze gleichermaßen.[12] In Feldkirch demonstrierten bei einer Protestveranstaltung rund 20.000 Menschen gegen das AKW.[13]

Die Vorarlberger blieben konsequent: Als 1978 in einer Volksabstimmung in Österreich eine Mehrheit von 50,5 % die Nutzung der Atomenergie und das AKW Zwentendorf ablehnte, nahm Vorarlberg mit 84,4 % Nein-Stimmen den Spitzenplatz unter allen Bundesländern ein und war damit das Zünglein an der Waage.[14][15]

Weitere Links

→ e-periodica.ch: Das Projekt des Kernkraftwerks Rüthi im Rheintal (Band 63, Heft 4) von 1976
→ Vorarlberg Online: Vor 35 Jahren: Klares “Nein” zur Atomenergie vom 5. November 2013 (mit Bild)
→ korso.at: Kein Kernkraftwerk in Zwentendorf – 30 Jahre Volksabstimmung vom 11. November 2008

(Letzte Änderung: 29.03.2020)

Einzelnachweise

  1. bfe.admin.ch: Kernenergie abgerufen am 10. Februar 2016 (via WayBack)
  2. 2,0 2,1 tagblatt.ch: Schreckgespenst Rüthi vom 7. März 2007 (via WayBack)
  3. vorarlberg.at: Aufbruch in eine neue Zeit Vorarlberger - Almanach zum Jubiläumsjahr 2005 von 2006 (via WayBack)
  4. ETH: Abschied von Wachstum und Fortschritt - Die Umweltbewegung und die zivile Nutzung der Atomenergie in der Schweiz (1960 - 1975)  von 1997
  5. 5,0 5,1 Prof. Dr. Rudolf Eppler: Technischer Fortschritt. Dritter Band. Eine Studie über spezielle Umweltprobleme des technischen Fortschritts. Duncker & Humblot, Berlin 1978. S. 31. Link unter google.de: Technischer Fortschritt
  6. 6,0 6,1 suche.vorarlberg.at: 8. Sitzung des XXI. Vorarlberger Landtages im Jahre 1973 (S. 269)
  7. SRF: Schweizer Einstieg in den Atomausstieg beginnt vom 4. April 2016
  8. 8,0 8,1 8,2 nuklearforum.ch: BASISDOKUMENTATION – KERNENERGIE IN DER SCHWEIZ abgerufen am 23. Juli 2017
  9. 9,0 9,1 Staatsarchiv St. Gallen: AKW Rüthi, 1970er Jahre von 2011
  10. parlament.ch: AKW Rüthi. Definitiver Verzicht (86.5060 - Fra. Rechsteiner Paul.) vom 9. Juni 1986
  11. parlament.gv.at: 378. Sitzung des Bundesrates der Republik Österreich (S. 25) vom 6./7. Juli 1978
  12. IAEO: Initiativ gegen Atomkraftwerk (Nr. 2) vom April 1978
  13. protestwanderung.at: 2. Kapitel: Von Feldkirch bis St. Pantaleon abgerufen am 16. Dezember 2018 (via WayBack)
  14. bmi.gv.at:Volksabstimmung vom 5. November 1978 über ein Bundesgesetz zur friedlichen Nutzung der Kernenergie in Österreich (Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf) abgerufen am 16. Dezember 2018 (via WayBack)
  15. tagblatt.ch: Widerstand aus Vorarlberg vom 9. November 2008 (via WayBack)
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