Reaktoren außer Betrieb > Philippsburg (Baden-Württemberg)

1 Siedewasserreaktor, 1 Druckwasserreaktor •
Leistung: 926 MW/1.468 MW • Typ: BWR-69/PWR • Hersteller: AEG KWU/KWU •
Baubeginn: 1. Oktober 1970/7. Juli 1977 • Inbetriebnahme: 9. März 1979/13. Dezember 1984 •
Abschaltung: 6. August 2011/31. Dezember 2019 •[1][2] Beginn Rückbau: 2017 • Ende Rückbau: offen


Reaktoren im Rheingraben

AKW Philippsburg

Der Standort Phillipsburg mit zwei stillgelegten Reaktoren befindet sich auf einer Insel im Rhein, nur 30 km nördlich von Karlsruhe.[3] Eigentümer und Betreiber beider Einheiten ist die EnBW Kernkraft GmbH (EnKK).[1]

Der Siedewasserreaktor Philippsburg I (KKP 1) besaß eine Leistung von 926 MW, wurde am 9. März 1979 in Betrieb genommen und am 6. August 2011 stillgelegt.[1] Hersteller waren AEG/Kraftwerk Union (KWU). Eine zweite, 1971 bestellte baugleiche Einheit Philippsburg I-2 wurde 1975 verworfen.[1][2]

Später wurde jedoch der leistungsstärkere Druckwasserreaktor Philippsburg II (KKP-2) mit 1.468 MW errichtet. Dieser ging am 13. Dezember 1984 in Betrieb und wurde am 31. Dezember 2019 für immer abgeschaltet. Hersteller war die Kraftwerk Union (KWU).[1][2]

Direkter Rückbau

Kühltürme_des_Atomkraftwerks_Philippsburg_bei_Karlsruhe_gesprengt

Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg bei Karlsruhe gesprengt

(hochgeladen von YouTube am 14. Mai 2020)

Am 2. August 2012 gab der Konzern EnBW in einer Pressemitteilung bekannt, dass er sich für den direkten Rückbau der Atomkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim entschieden hat.[4] EnBW hat für den Abriss seiner Atomkraftwerke 6,6 Milliarden Euro zurückgestellt.[5]

Im Mai 2013 reichte EnBW Anträge für die offizielle Stilllegung der AKW Neckarwestheim I und Philippsburg I sowie für Rückbaumaßnahmen beim Umweltministerium in Stuttgart ein. Für den Zeitraum des Rückbaus plant der Konzern die Einrichtung temporärer Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall an den Standorten.[6]

Im September 2015 beauftragte der Betreiber EnKK das Unternehmen Westinghouse, den Reaktordruckbehälter von Philippsburg I einschließlich der Einbauten und der Peripherie zu zerlegen.[7]

Am 18. Juli 2016 reichte die EnBW Kernkraft GmbH Anträge zu Stilllegung und Rückbau der AKW Neckarwestheim II und Philippsburg II beim Umweltministerium in Stuttgart ein.[8]

Am 11. April 2017 erteilte das Umweltministerium die Genehmigung für Stilllegung und Abbau von Philippsburg I. EnBW begann mit dem Rückbau im Mai 2017. Die Dauer des Rückbaus wird auf zehn bis fünfzehn Jahre geschätzt.[9][10]

Im Juli 2019 weihte der Betreiber das Reststoff-Bearbeitungszentrum (RBZ) und das Standort-Abfalllager (SAL) ein.[11]

Am 14. Mai 2020 um 06:05 Uhr wurden die beiden Kühltürme gesprengt.[12] An deren Stelle soll ein Konverter gebaut werden, mit dem künftig Windstrom von Nord- nach Süddeutschland transportiert werden soll.[13]

Erdbebengefahr und Störfälle

Geologen hatten schon seit vielen Jahren darauf hingewiesen, dass die Reaktoren im Rheingraben, Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis, nur auf Erdbeben mit der Stärke 4,5 bis 5,5 auf der Richterskala ausgelegt sind. Im Rheingraben wurden aber im Jahre 1356 bereits Stärken von 6,5 bis 6,7 erreicht, 1775/76 von 6,1. Solche Erdbeben hätten sich jederzeit wieder ereignen können.[14]

Besonders hervorzuheben sind mehrere Vorfälle aus dem Jahre 2001. Mit defektem Notkühlsystem wurde Philippsburg II im August 2001 hochgefahren. Obwohl man den Defekt zwei Wochen später entdeckte, blieb der Reaktor rechtswidrig in Betrieb. Später wurde festgestellt, dass das Notkühlsystem Jahre lang nicht ausreichend befüllt worden war.[15] Hinzuzufügen bleibt, dass der Betreiber diesen Vorfall von 2001 der Aufsichtsbehörde nicht gemeldet hatte.[16] Im November 2001 wurde durch das Stuttgarter Umweltministerium gemeldet, dass wegen des Defekts einer Armatur zur Betriebsentwässerung kontaminiertes Wasser aus Philippsburg I ausgetreten war.[17]

Da in Reaktor I "eine Pumpe bei der jährlichen Überprüfung am Schnellabschaltsystem nicht abgestellt wurde", flossen im April 2004 30.000 Liter radioaktives Wasser in den Rhein. EnBW meldete den Störfall einen Tag später der Atomaufsicht.[18]

Im März 2011 geriet Philippsburg II neuerdings in die Schlagzeilen, da drei meldepflichtige Ereignisse aus den Jahren 2009 und 2010 nicht der Atomaufsicht gemeldet worden waren. Die Wahrheit kam erst durch ein anonymes Schreiben ans Licht. Ein Ereignis vom 19. Januar 2010 war besonders schwerwiegend: Drei Tage lang arbeiteten die drei Notfallkühlsysteme höchstens eine Stunde lang. Bei einem Ausfall des Hauptkühlsystems hätte der Reaktor nicht ausreichend gekühlt werden können. Es kam der Verdacht auf, EnBW, die baden-württembergische Atomaufsicht und der TÜV hätten die Vorfälle gemeinsam vertuscht.[19][20]

Im Dezember 2012 erhoben Mitarbeiter des AKW Philippsburg schwere Vorwürfe gegen den Betreiber EnBW. Insbesondere seit der Abschaltung von Philippsburg I "werde bei Sicherheitsmaßnahmen geschludert, die Atomaufsicht getäuscht, Zwischenfälle würden verschwiegen. Der Konzern wiegelt ab, doch das Umweltministerium in Stuttgart ist alarmiert."[21]

Neuere Ereignisse in Philippsburg II

Am 25. Oktober 2013 wurde Philippsburg II wegen eines Brennelements mit erhöhtem Edelgasaustritt vorübergehend vom Netz genommen, Das Brennelement wurde ausgetauscht. Beim anschließenden Absaugen der Luft aus den Rohrleitungen des Primärkreislaufes stiegen die Emissionen laut Betreiber geringfügig an.[22]

Im März 2014 wurde an einer Schweißnaht im Abgassystem ein Leck entdeckt, das einen Druckabfall verursachte.[23]

Am 26. September 2014 wurde ein neuer Transformator von Philippsburg II vom Netz genommen und zur Prüfung an den Hersteller in Nürnberg transportiert. Der Trafo war erst bei der Revision 2014 eingebaut worden, hatte aber Auffälligkeiten gezeigt und wurde gegen einen Ersatztransformator ausgetauscht.[24]

Weitere Links

→ EnBW: Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) (Informationen des Betreibers)

Fernsehbeiträge

  • Vertuschte Pannen und Störfälle im AKW Philippsburg
    "Warum pries die Deutsche Bundesregierung deutsche Atomkraftwerke stets als so sicher an, wenn jetzt dringende Sicherheitsüberprüfungen angeordnet sind? Hat sie Gefahren ausgeblendet als sie längere Laufzeiten beschloss? Drei Monate neues Nachdenken hat sich Schwarz-Gelb verordnet; so lange bleiben acht Meiler abgeschaltet, manche davon wohl ganz. Das alles, weil das Schlimmste ja offenbar möglich sei, so die bemerkenswerte politische Begründung für das Wendemanöver." Quelle: YouTube
Vertuschte_Pannen_&_Störfälle_im_AKW_Philippsburg

Vertuschte Pannen & Störfälle im AKW Philippsburg

ZDF, Frontal 21 vom 15. März 2011

(Letzte Änderung: 15.05.2020)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 IAEO: PRIS - Country Statistics/Germany abgerufen am 13. Mai 2020
  2. 2,0 2,1 2,2 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. EnBW: Kernkraft abgerufen am 6. Januar 2020 (via WayBack)
  4. EnBW: Rückbaustrategie verabschiedet: EnKK stellt Weichen für direkten Rückbau ihrer Kernkraftwerke vom 2. August 2012 (via WayBack)
  5. Reutlinger General-Anzeiger: Atommeiler werden frühestens ab 2017 abgerissen vom 23. November 2012
  6. Focus Online: EnBW gibt Startschuss für Abriss von abgeschalteten Atommeilern vom 6. Mai 2013
  7. nuklearforum.ch: Rückbau Philippsburg-1: Auftrag an Westinghouse vom 16. September 2015
  8. nuklearforum.ch: Deutschland: Stilllegungs- und Abbaugesuche für KKP-2 und GKN-2 eingereicht vom 22. Juli 2016
  9. SWR: Kernkraftwerk Philippsburg 1 - Ministerium erteilt Genehmigung für Abbau vom 11. April 2017 (via WayBack)
  10. EnBW: Kernkraftwerk Philippsburg (KKP) abgerufen am 6. August 2017
  11. bnn.de: Zwei Anlagen für Rückbau der Atomkraft fertig vom 5. Juli 2019
  12. ntv.de: Kühltürme von AKW Philippsburg gesprengt vom 14. Mai 2020
  13. bnn.de: Eine Ära endet: Atomkraftwerk Philippsburg produziert noch wenige Wochen Strom vom 10. September 2019
  14. Sascha Adamek: Die Atomlüge. Heyne, München 2011, S. 49.
  15. BUND: AKW Philippsburg 2 (Baden-Württemberg) abgerufen am 1. Januar 2020
  16. Mitteldeutsche Zeitung: Verspätete Meldungen von Störfällen in deutschen AKW vom 4. Juli 2007
  17. NWZ Online: 3000 Störfälle in deutschen Kernkraftwerken seit 1965 vom 10. August 2006
  18. Focus Online: Hintergrund: Störfälle in deutschen AKW vom 14. März 2011
  19. taz.de: Pannen-AKW Philippsburg alarmiert Berlin - Im Zweifel für die Vertuschung vom 15. März 2011
  20. Stuttgarter Zeitung: "Kaskadenversagen" im Reaktor vom 3. April 2012
  21. Spiegel Online: AKW Philippsburg - Mitarbeiter werfen EnBW Atom-Schludereien vor vom 13. Dezember 2012
  22. lifepr.de: Kernkraftwerk Neckarwestheim: Block II wieder am Netz vom 11. November 2013
  23. Stuttgarter Zeitung: Leck an Abgassystem vom 12. März 2014
  24. ka-news.de: Auf Nummer sicher: EnBW zieht 384 Tonnen schweren Trafo vom Netz vom 26. September 2014
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