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Atomenergie in Europa > Bulgarien > Kosloduj (Bulgarien)

6 Druckwasserreaktoren • Leistung: 440 MW/440 MW/440 MW/440 MW/1.000 MW/1.000 MW •
Typ: WWER V-230/WWER V-230/WWER V-230/WWER V-230/WWER V-320/WWER V-320 •
Hersteller: Atomenergo Export • Baubeginn: 1970/1970/1973/1973/1980/1982 •
Inbetriebnahme: 1974/1975/1980/1982/1987/1991 • Abschaltung: 2002/2002/2006/2006 (Kosloduj 1-4)[1][2]


Vier Altreaktoren abgeschaltet

NPP Kozloduy 1-4

AKW Kosloduj (Bulgarien)

Das Atomkraftwerk Kosloduj befindet sich östlich der gleichnamigen Stadt an der Donau, direkt an der bulgarisch-rumänischen Grenze, ca. 200 km nördlich der Hauptstadt Sofia.[3]

Von den ursprünglich sechs Reaktoren des bulgarischen Atomkraftwerks Kosloduj wurden 2002 die Reaktoren 1 und 2 und 2006 die Reaktoren 3 und 4 stillgelegt. Derzeit sind noch die Blöcke 5 und 6 mit einer Leistung von je 1.000 MW am Netz, die 1987 und 1991 in Betrieb genommen worden waren. Eigentümer des Atomkraftwerks ist die Bulgarian Energy Holding, Betreiber die Kozloduy NPP.[1] Hersteller aller Einheiten war Atomenergo Export.[2]

Koslodoj-1 bis -4 vom veralteten sowjetischen Typ WWER V-230 mussten im Zuge des EU-Beitritts Bulgariens aufgrund unzureichender Sicherheitsstandards abgeschaltet werden. Im November 2013 erklärte sich das EU-Parlament dazu bereit, die Stilllegung dieser Reaktoren durch zusätzliche finanzielle Mittel zu unterstützen.[4]

Störfälle

Die Altreaktoren waren ein permanentes Sicherheitsproblem gewesen.

1977, als es zu einem starken Erdbeben gekommen war, stellte man fest, dass die Reaktoren 1 und 2 in Kosloduj nur unzureichend gegen solche Naturkatastrophen geschützt waren. Sie mussten nachgerüstet, und die Baupläne der geplanten Reaktoren 3 und 4 geändert werden. Am 30. Juni 1982 kam es zu einem Leck im Primärkreislauf des Reaktors 3. Radioaktiv schwer belastetes Kühlmittel entwich 13 Stunden lang, die genaue Menge wurde verschwiegen. Am 21. Februar 1983 verlor der Primärkreislauf um die Brennelemente aufgrund offener Ventile Kühlmittel und Druck. Die Notkühlung funktionierte jedoch, und die Kernspaltung konnte glücklicherweise gestoppt werden, so dass ein GAU verhindert wurde.[5]

Die IAEO prüfte nach einem Besuch in Kosloduj 1990 ernste Zwischenfälle, die sich ereignet hatten. So war bei einem Störfall das Grundwasser am Standort verseucht worden. Außerdem waren 217 Arbeiter erhöhter Strahlung ausgesetzt und fünf Stellen mit Kontaminationen entdeckt worden. Auf einer weiteren Mission der IAEO im Juni 1991 waren die vier Altreaktoren in derart schlechtem Zustand, dass sie für Renovierungsarbeiten abgeschaltet werden mussten.[6]

Der "Spiegel" berichtete 1992 über die schlechte Arbeitsmoral und technische Mängel: "ungenügende Notkühlsysteme, unzulänglicher Brandschutz, unterdimensionierte Notstromversorgung, unzureichende Abschirmung gegen Flugzeugabstürze. (...) Der Atommüll wird bis heute unter Mißachtung aller Sicherheitsregeln aufbewahrt. Die Abklingbecken neben den Reaktorhallen sind mit 700 Tonnen abgebrannter Brennelemente übervoll." Ein Nachrüstung wäre kostspielig gewesen und hätte die Sicherheitsprobleme nicht grundlegend lösen können. Die Regierung blockierte aufgrund der Energieknappheit jedoch lange eine Abschaltung.[7]

Bei einer IAEO-ASSET-Mission 1993 wurden insgesamt 93 Ereignisse untersucht, die zwischen Dezember 1990 und Mai 1993 aufgetreten waren und von denen 73 als sicherheitsrelevant angesehen wurden. 1994 wurden 425 Ereignisse aufgezählt, 177 davon sicherheitsrelevant (ein Ereignis wurde mit der INES-Stufe 2 klassifiziert).[6]

Im August 1996 berichteten bulgarische Medien über zwei Störfälle der INES-Stufe 1, die vor der Öffentlichkeit verheimlicht worden waren: aus Lecks austretendes radioaktives Wasser, das den Untergrund kontaminierte, und Störungen beim Kühlkreislauf.[6]

Aber auch bei den heute noch aktiven Reaktoren treten immer wieder Pannen auf. Im März 2010 kam es zu einem Kurzschluss.[8] Im Mai 2012 musste wegen eines Generatorschadens ein Reaktor manuell vom Netz genommen werden, weil er sich nicht automatisch abschaltete.[9] Im April 2013 musste ein Reaktor heruntergefahren werden, "nachdem Wasserstoff zur Abkühlung eines Generators ausgeflossen war".[10]

Laufzeitverlängerung und Ausbaupläne

Die Abschaltung der Blöcke 3 und 4 führte 2007 zu Stromengpässen in den Nachbarländern. Albanien, Mazedonien, Montenegro und der Kosovo büßten rund 40 Prozent ihrer Stromversorgung ein. Deshalb plante die bulgarische Regierung 2007 den Bau von zwei neuen Reaktoren, die eigentlich 2013 ans Netz hätten gehen sollten.[11]

Seit 2012 plant der Betreiber des AKW Kosloduj eine Betriebsverlängerung der zwei aktiven Reaktoren Kosloduj-5 und -6 um 20 Jahre; es sollen dafür 250 Mio. Euro investiert werden.[12] Am 29. Januar 2016 unterzeichneten bulgarische und russische Firmen ein Abkommen für die Verlängerung der Laufzeit von Kosloduj-6 auf 60 Jahre; Abkommen für Kosloduj-5 waren bereits 2014 und 2015 abgeschlossen worden.[13]

Im Dezember 2013 unterzeichneten die staatliche bulgarische Energieholding (BEH) und das US-Unternehmen Westinghouse ein Abkommen über den Bau eines zusätzlichen Reaktors Kosloduj-7 ab 2016.[14] Dies bestätigte die deutsche Bundesregierung im März 2017.[15] Die World Nuclear Association (WNA) nennt für den geplanten AP1000-Reaktor allerdings ein spekulatives "2018?".[16]

2015 scheiterten jedoch Gespräche zwischen Bulgarien und Westinghouse und wurden bis Ende Oktober nicht wieder aufgenommen.[17]

Am 8. November 2017 verlängerte die bulgarische Nuklearaufsichtsbehörde (BNRA) die Betriebsbewilligung für Kosloduj-5 um zehn Jahre bis 2027.[18]

Weitere Links

→ Kozloduy NPP: About the plant (Informationen des Betreibers)
→ Kozloduy NPP: Gallery (Bilder von Kosloduj)
→ SPIEGEL.TV: Bulgarisches Steinzeit-AKW - Das programmierte Inferno von 1991 (Fernsehbeitrag)

(Letzte Änderung: 25.03.2020)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Bulgaria abgerufen am 31. Mai 2014
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. WNA Reactor Database: Kozloduy 5, Bulgaria abgerufen am 9. April 2016
  4. nuklearforum.ch: Mehr EU-Unterstützung für Stilllegungen in Osteuropa vom 25. November 2013
  5. DER SPIEGEL 17/1987: Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken vom 20. April 1987
  6. 6,0 6,1 6,2 Nuclear Energy Institute: Soviet-Designed Nuclear Power Plants in Russia, Ukraine, Lithuania, Armenia, the Czech Republic, the Slovak Republic, Hungary and Bulgaria (Fifth Edition) von 1997 (via WayBack)
  7. DER SPIEGEL 10/1992: Nervöse Reaktoren vom 2. März 1992
  8. Welt Online: Kurzschluss in AKW Kosloduj: Reaktor gestoppt vom 23. März 2010 (via WayBack)
  9. stern.de: Bulgarien nimmt AKW vom Netz vom 28. Mai 2012
  10. Wiener Zeitung: Panne im AKW Kosloduj vom 15. April 2013
  11. Handelsblatt: Auf dem Balkan gehen die Lichter aus vom 17. Januar 2007
  12. Wirtschaftsblatt: Bulgarien will AKW noch Jahrzehnte betreiben vom 23. April 2012
  13. world nuclear news: Bulgaria agrees Kozloduy 6 life extension plan with Russia vom 29. Januar 2015
  14. Mittelbayerische: Bulgarien plant neuen Atommeiler vom 12. Dezember 2013
  15. Deutscher Bundestag: Atomvorhaben in Europa (Drucksache 18/11376, S.5) vom 6. März 2017
  16. WNA: Country Profiles/Bulgaria abgerufen am 6. Januar 2015
  17. Sofia Globe: Bulgarian PM says hopeful Westinghouse will make new proposal on nuclear plant vom 12. Oktober 2015
  18. nuklearforum.ch: Laufzeitverlängerung für Kosloduj-5 in Bulgarien vom 8. November 2017
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