Atomenergie in Europa > Bulgarien > Kosloduj (Bulgarien)

2 aktive Druckwasserreaktoren • Leistung: 1.000/1.040 MW • Typ: 2 x WWER V-320 •
Hersteller: Atomenergo Export • Baubeginn: 9. Juli 1980/1. April 1982 •
Inbetriebnahme: 5. November 1987/29. Mai 1991 • Abschaltung: offen[1][2]


Vier Altreaktoren stillgelegt

AKW Kosloduj (Bulgarien)

Das Atomkraftwerk Kosloduj befindet sich südöstlich der gleichnamigen Stadt an der Donau, direkt an der bulgarisch-rumänischen Grenze, ca. 120 km nördlich der Hauptstadt Sofia.[3]

Von ursprünglich sechs Reaktoren sind noch die Blöcke 5 und 6 mit einer Leistung von 1.000 und 1.040 MW am Netz, die 1987 und 1991 in Betrieb genommen worden waren. Die Reaktoren 1 und 2 wurden 2002, die Reaktoren 3 und 4 2006 stillgelegt. Eigentümer der Einheiten 3-6 ist die Bulgarian Energy Holding, Betreiber aller Einheiten die Kozloduy NPP.[1] Hersteller aller Einheiten war Atomenergo Export.[2]

Koslodoj-1 bis -4 vom veralteten sowjetischen Typ WWER V-230 mussten im Zuge des EU-Beitritts Bulgariens aufgrund unzureichender Sicherheitsstandards abgeschaltet werden. Im November 2013 erklärte sich das EU-Parlament dazu bereit, die Stilllegung dieser Reaktoren durch zusätzliche finanzielle Mittel zu unterstützen.[4]

Störfälle

Die Altreaktoren waren ein permanentes Sicherheitsproblem gewesen.

1977, als es zu einem Erdbeben der Stärke 5 bis 6 gekommen war, stellte man fest, dass die Reaktoren 1 und 2 in Kosloduj nur unzureichend gegen solche Naturkatastrophen geschützt waren. Sie mussten nachgerüstet, und die Baupläne der geplanten Reaktoren 3 und 4 geändert werden. Am 30. Juni 1982 kam es bei Wartungsarbeiten zu einem Leck im Primärkreislauf des Reaktors 3. Radioaktiv schwer belastetes Kühlmittel entwich 13 Stunden lang, die genaue Menge wurde verschwiegen. Am 21. Februar 1983 verlor der Primärkreislauf um die Brennelemente aufgrund offener Ventile Kühlmittel und Druck. Die Notkühlung funktionierte jedoch, und die Kernspaltung konnte glücklicherweise gestoppt werden, so dass ein GAU verhindert wurde.[5]

Die IAEO prüfte nach einem Besuch in Kosloduj 1990 ernste Zwischenfälle, die sich ereignet hatten. Bei einem war das Grundwasser am Standort verseucht worden. Außerdem waren über die Betriebszeit 217 Arbeiter erhöhter Strahlung ausgesetzt und fünf Stellen mit Kontaminationen entdeckt worden. Auf einer weiteren Mission der IAEO im Juni 1991 waren die vier Altreaktoren in derart schlechtem Zustand, dass sie für Renovierungsarbeiten abgeschaltet werden mussten.[6]

Der "Spiegel" berichtete 1992 über die schlechte Arbeitsmoral und technische Mängel: "ungenügende Notkühlsysteme, unzulänglicher Brandschutz, unterdimensionierte Notstromversorgung, unzureichende Abschirmung gegen Flugzeugabstürze. (...) Der Atommüll wird bis heute unter Mißachtung aller Sicherheitsregeln aufbewahrt. Die Abklingbecken neben den Reaktorhallen sind mit 700 Tonnen abgebrannter Brennelemente übervoll." Ein Nachrüstung wäre kostspielig gewesen und hätte die Sicherheitsprobleme nicht grundlegend lösen können. Eine Abschaltung wurde aufgrund der Energieknappheit jedoch lange blockiert.[7]

Bei einer IAEO-ASSET-Mission 1993 wurden insgesamt 93 Ereignisse untersucht, die zwischen Dezember 1990 und Mai 1993 aufgetreten waren und von denen 73 als sicherheitsrelevant angesehen wurden. 1994 wurden 425 Ereignisse aufgezählt, 177 davon als sicherheitsrelevant (ein Ereignis wurde mit der INES-Stufe 2 klassifiziert).[6]

Im August 1996 berichteten bulgarische Medien über zwei Störfälle der INES-Stufe 1, die vor der Öffentlichkeit verheimlicht worden waren: aus Lecks austretendes radioaktives Wasser, das den Untergrund kontaminierte, und Störungen beim Kühlkreislauf.[6]

Aber auch bei den heute noch aktiven Reaktoren treten immer wieder Pannen auf. Im März 2010 kam es zu einem Kurzschluss.[8] Im Mai 2012 musste wegen eines Generatorschadens ein Reaktor manuell vom Netz genommen werden, weil er sich nicht automatisch abschaltete.[9] Im April 2013 musste ein Reaktor heruntergefahren werden, "nachdem Wasserstoff zur Abkühlung eines Generators ausgeflossen war".[10]

Laufzeitverlängerung und Ausbaupläne

Die Abschaltung der Blöcke 3 und 4 führte 2007 zu Stromengpässen in den Nachbarländern. Albanien, Mazedonien, Montenegro und der Kosovo büßten rund 40 Prozent ihrer Stromversorgung ein. Deshalb plante die bulgarische Regierung 2007 den Bau von zwei neuen Reaktoren, die eigentlich 2013 ans Netz hätten gehen sollen.[11]

Am 29. Januar 2016 unterzeichneten bulgarische und russische Firmen ein Abkommen für die Verlängerung der Laufzeit von Kosloduj-6 auf 60 Jahre; Abkommen zur Überholung und Laufzeitverlängerung von Kosloduj-5 waren bereits 2014 und 2015 abgeschlossen worden.[12]

Im Dezember 2013 unterzeichneten die staatliche bulgarische Energieholding (BEH) und das US-Unternehmen Westinghouse ein Abkommen über den Bau eines zusätzlichen Reaktors Kosloduj-7 ab 2016.[13] 2015 scheiterten jedoch die Gespräche zwischen Bulgarien und Westinghouse.[14]

Am 8. November 2017 verlängerte die bulgarische Nuklearaufsichtsbehörde (BNRA) die Betriebsbewilligung für Kosloduj-5 um zehn Jahre bis 2027.[15]

Am 20. Januar 2021 genehmigte der bulgarische Ministerrat die vom Energieminister vorgelegten Pläne zum Bau von Kosloduj-7. Hierbei soll die von Russland gelieferte Ausrüstung verwendet werden, die ursprünglich für das Neubauprojekt Belene vorgesehen war.[16]

(Letzte Änderung: 01.05.2021)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Bulgaria abgerufen am 30. April 2021
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. WNA Reactor Database: Kozloduy 5, Bulgaria abgerufen am 30. April 2021
  4. nuklearforum.ch: Mehr EU-Unterstützung für Stilllegungen in Osteuropa vom 25. November 2013
  5. DER SPIEGEL 17/1987: Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken vom 19. April 1987
  6. 6,0 6,1 6,2 Nuclear Energy Institute: Soviet-Designed Nuclear Power Plants in Russia, Ukraine, Lithuania, Armenia, the Czech Republic, the Slovak Republic, Hungary and Bulgaria (Fifth Edition) von 1997 (via WayBack)
  7. DER SPIEGEL 10/1992: Nervöse Reaktoren vom 1. März 1992
  8. Welt Online: Kurzschluss in AKW Kosloduj: Reaktor gestoppt vom 23. März 2010 (via WayBack)
  9. stern.de: Bulgarien nimmt AKW vom Netz vom 28. Mai 2012
  10. Wiener Zeitung: Panne im AKW Kosloduj vom 15. April 2013
  11. Handelsblatt: Auf dem Balkan gehen die Lichter aus vom 17. Januar 2007
  12. world nuclear news: Bulgaria agrees Kozloduy 6 life extension plan with Russia vom 29. Januar 2015
  13. Mittelbayerische: Bulgarien plant neuen Atommeiler vom 12. Dezember 2013
  14. Sofia Globe: Bulgarian PM says hopeful Westinghouse will make new proposal on nuclear plant vom 12. Oktober 2015
  15. nuklearforum.ch: Laufzeitverlängerung für Kosloduj-5 in Bulgarien vom 8. November 2017
  16. world nuclear news: Bulgarian cabinet approves plan for new unit at Kozloduy vom 22. Januar 2021
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