Atomenergie in Europa > Italien

Reaktoren in Betrieb: - • im Bau: - • stillgelegt: 4 [1]


Entwicklung bis 1987

Stillgelegtes Atomkraftwerk Latina (Italien)

Italien war einer der ersten Staaten, die die Atomkraft zur Energieerzeugung einführen wollten. So wurde bereits 1946 das Centro Informazioni, Studi ed Esperienze (CISE) gegründet, das Grundlagen für Design und Herstellung von Atomreaktoren liefern sollte, und 1952 das Comitato Nazionale per le Ricerche Nucleari (CNRN), dessen Aufgabe die Entwicklung und Propagierung der Atomenergie war. 1957 war Italien ein Gründungsmitglied der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). 1958 begann der Bau einer ersten Einheit, des Gas-Graphit-Reaktors Latina-1 vom Typ Magnox, der 1963 ans Netz ging.[2][3]

In einem ersten Atomprogramm von 1966 waren Atomkraftwerke mit einer Kapazität von 12 GW bis 1980 geplant. 1967 plante Italien die Entwicklung einer abgewandelten Version des kanadischen Schwerwasserreaktors vom Typ CANDU, dessen Prototyp jedoch wegen technischer Probleme scheiterte. Nach der Ölkrise 1974 sollten 20 Reaktoren gebaut werden, und in einem neuen Energieprogramm von 1982 war von acht Reaktoren die Rede.[2]

Aber bereits 1982 wurden zwei geplante Druckwasserreaktoren mit je 982 MW verworfen. → Termoli

1960 bis 1987 wurde im süditalienischen Rotondella Brennstoff für Magnox-Reaktoren hergestellt. In der gleichen Gemeinde wurde 1973 bis 1987 in der Pilotanlage ITREC (Impianto di Trattamento e Rifabbricazione Elementi di Combustibile) abgebrannter Thorium-Uran-Brennstoff wiederaufgearbeitet.[4][5]

Referenden nach Tschernobyl und Fukushima

Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurden alle Pläne für Atomkraftwerke zur Makulatur, weil sich die italienische Bevölkerung in drei Referenden 1987 gegen die Atomenergie entschied und alle nuklearen Aktivitäten beendet wurden.[2][6] Die vier italienischen Reaktoren Caorso, Enrico Fermi, Garigliano und Latina wurden stillgelegt und sind nicht mehr in Betrieb gegangen.[1][2]

Caorso
Trino Vercellese/Enrico Fermi
Garigliano
Latina

Weitere geplante Atomkraftwerke an den Standorten Apulia, → Cirene, Lombardia (zwei Druckwasserreaktion mit je 950 MW),[7]Montalto di Castro, → Piemonte Trino und Puglia (zwei Druckwasserreaktion mit je 950 MW)[8] wurden nach dem Referendum aufgegeben.

Im Mai 2008 verkündete der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi jedoch bereits kurz nach seinem Amtsantritt, wieder in die Atomkraft einsteigen zu wollen. Am 24. Februar 2009 unterzeichneten der ehemalige französische Präsident Sarkozy und Berlusconi ein Abkommen zum Bau von mindestens vier europäischen Druckwasserreaktoren in Italien, von denen der erste 2020 ans Netz gehen sollte.[9]

Im Juli 2009 schuf Silvio Berlusconi die gesetzliche Basis für einen Wiedereinstieg in die Atomenergie. Es sollten 13 Atomkraftwerke gebaut werden, darunter ab 2013 ein Europäischer Druckwasserreaktor (EPR). Standorte wurden jedoch nicht festgelegt.[10]

Nach der Fukushima-Katastrophe, in einer Volkabstimmung am 13. Juni 2011, an der sich 57 Prozent der stimmberechtigten Bürger beteiligten, sprachen sich jedoch 94,7 % gegen einen Wiedereinstieg in die Atomkraft aus. Berlusconis Pläne für den Bau von vier Atomkraftwerken mit Kosten von je vier bis fünf Mrd. Euro wurden gestoppt.[11]

Italien ist allerdings nicht komplett aus der Atomkraft ausgestiegen. Eine Übersicht über alle in Italien betriebenen und stillgelegten Forschungsreaktoren findet man unter → IAEO: Research Reactors/Countries: Italy

Atommüllfrage und Rückbau ungeklärt/Deponien der Camorra

Die bestrahlten Brennelemente aus den abgeschalteten Atomkraftwerken werden zum Teil in Frankreich wiederaufgearbeitet, der Rest wird in den Zwischenlagern der AKW Trino und Avogadro und im Lager der Pilot-Wiederaufbereitungsanlage von ITREC gelagert.[12]

Der Abriss der vier stillgelegten Atomkraftwerke soll bis 2040 beendet sein. Wohin der verstrahlte Atommüll soll, ist bislang ungeklärt. 2003 wollte die italienische Regierung ein Endlager im Städtchen Scanzano Jonico an der Sohle des italienischen Stiefels errichten und dort den bis dahin in 150 Zwischenlagern verteilten Atommüll zusammenführen. Nach massiven Protesten von bis zu 100.000 Atomkraftgegnern gab die Regierung diese Pläne wieder auf.[13]

2009 wurde berichtet, dass die italienische Mafia 32 Fässer mit Gift- und Atommüll in Boden der kalabrischen Küste verklappt haben soll. Am Fluss Oliva wurde Radioaktivität gemessen.[14]

Giftmüll_Camorra

Giftmüll Camorra

Hochgeladen auf YouTube am 24. März 2014

In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Camorra in der Umgebung von Neapel ca. 11 Mio. Tonnen giftige Industrieabfälle vergraben, darunter wahrscheinlich auch Atommüll. Die Armee soll nun den Giftmüll entfernen und gegen die illegalen Deponien vorgehen.[15] Der Mafia-Kronzeuge Carmine Schiavone gab 2014 Details gegenüber dem deutschen Fernsehen bekannt (vgl. Video rechts).

Da die Umgebung von Neapel mittlerweile "gesättigt" ist, deponiert die Mafia auch in der Toskana und möglicherweise in Osteuropa Müll; ob Atommüll dabei ist, ist nicht berichtet worden.[16]

2018 wurde berichtet, dass das staatliche Unternehmen Sogin, dem 2000 der Betrieb der stillgelegten Atomkraftwerke übertragen wurde, so gut wie nichts im Hinblick auf die Atommüllfrage erreicht habe. Ursprünglich sollte diese bis 2014, und der Rückbau der AKW bis 2020 für 4,5 Mrd. Euro abgeschlossen werden. 2013 wurde der Abschluss der Arbeiten auf 2025 verschoben, die Kosten wurden nun auf 6,48 Mrd. Euro geschätzt. 2017 wurden das Jahr 2036 und geschätzte Kosten von 7,25 Mrd. Euro genannt.[17]

(Letzte Änderung: 08.03.2020)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEA: PRIS - CountryStatistics/Italy abgerufen am 11. März 2019
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 IAEO: Country Nuclear Power Profiles/Italy abgerufen am 14. Februar 2015
  3. IAEO: Member States abgerufen am 11. März 2016
  4. WNA: Nuclear Power in Italy abgerufen am 14. Januar 2018
  5. SOGIN: Itrec plant Rotondella – Matera abgerufen am 14. Januar 2018 (via WayBack)
  6. Spiegel Online: Atomenergie in Italien: Berlusconi versucht die Rolle rückwärts vom 15. März 2011
  7. IAEO PRIS: LOMBARDIA-1 und LOMBARDIA-2 abgerufen am 31. März 2016
  8. IAEO PRIS: PUGLIA-1 und PUGLIA-2 abgerufen am 1. April 2016
  9. Spiegel Online: Atom-Comeback: Franzosen bauen Kernkraftwerke in Italien vom 24. Februar 2009
  10. Spiegel Online: Reaktionen auf AKW-Katastrophe: Wie die Welt auf das Atomdesaster reagiert vom 14. März 2011
  11. Welt Online: Warum Italiener lieber viel Geld für teuren Strom zahlen vom 19. Juni 2011
  12. Deutscher Bundestag: Atomvorhaben in Europa (Drucksache 18/11376, S.5) vom 6. März 2017
  13. DER SPIEGEL 49/2003: Aufruhr am Stiefel vom 1. Dezember 2003
  14. Zeit Online: Staatsanwalt vermutet mehr als 30-Gift-Wracks im Mittelmeer vom 15. September 2009
  15. euronews: Italien: Soldaten gegen Giftmüll vom 16. Januar 2014
  16. Handelsblatt: Mafia lädt Giftmüll in der Toskana ab vom 1. Januar 2014
  17. Corriere della sera: Sogin: the black hole of Italian nuclear power vom 23. Mai 2018
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