Organisationen und Kommissionen > Internationale Energieagentur (IEA)

Ratgeber für Regierungen

Die Internationale Energieagentur (International Energy Agency, IEA) ist eine selbstständige Organisation innerhalb der OECD mit Hauptsitz in Paris. Sie wurde 1974 gegründet, um gemeinsame Antworten der Industrieländern auf die Energie-/Ölkrise 1973/1974 zu finden. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch die Bundesrepublik Deutschland. Ziel der IEA ist heute, die Regierungen ihrer Mitgliedsländer in Energiefragen zu beraten und "zu einer sicheren, nachhaltigen, umwelt- und klimaverträglichen sowie wirtschaftlichen Energieversorgung" beizutragen. Im Fokus ihres Handelns stehen vor allem: Energiesicherheit, wirtschaftliche Entwicklung, Umweltbewusstsein und internationales Engagement.[1][2]

1.200 neue Atomkraftwerke

Zwar beschäftigt sich die IEA mit allen Energiequellen, es fällt aber auf, dass sie – ähnlich wie der Weltklimarat der Vereinten Nationen (IPCC)  – eine Präferenz für die Nutzung der Atomenergie hat.

Schon bei ihrer Gründung im Jahre 1974 und in den folgenden Jahren sah die Agentur die Atomenergie neben der Kohle als eine der vielversprechendsten Alternativen zum Ölimport an. Alte Ölkraftwerke sollten durch Atomkraftwerke ersetzt und der wachsende Energiebedarf durch zusätzliche nukleare Kapazitäten gedeckt werden. Nach dem Atomunfall von 1979 in Harrisburg/Three Mile Island (USA) warnten die Minister der Mitgliedsländer vor Stromknappheit und postulierten "unerwünschte wirtschaftliche und soziale Auswirkungen" für den Fall, dass die Atomenergie wegen öffentlicher Vorbehalte nicht weiter ausgebaut werden könne. Diese müsse weiter unterstützt und die Öffentlichkeit entsprechend informiert und geschult werden. Zugleich müsse die Sicherheit erhöht werden.[3]

Siehe dazu auch: → IEA: THE HISTORY OF THE INTERNATIONAL ENERGY AGENCY - VOLUME III - PRINCIPLE DOCUMENTS von 1995 (S. 242-247) sowie VOLUME IV - SUPPLEMENT TO VOLUMES I, II & III von 2004 (S. 209-211)

Im November 2006 empfahl sie in ihrer jährlichen Energieanalyse "World Energy Outlook" den Ausbau der Atomkraft mit den Argumenten, dass in 25 Jahren eine "drastische Energieknappheit" drohe und nur mit dieser Energiequelle eine "nachhaltige Zukunft" möglich sei. Die Atomlobby unterstützte die Äußerungen ausdrücklich.[4]

2007 beschrieb der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags die Rolle der IEA. Es wurde darauf hingewiesen, dass die IEA – neben mehr Energieeffizienz und erneuerbaren Energien – auch die Atomenergie als kohlenstoffarme Industrie empfiehlt. Sie forderte Deutschland auf, den Atomausstieg zu überdenken.[5]

Im November 2009 forderte die IEA den Bau von 1.200 neuen Atomkraftwerken, um "ehrgeizige Klimaschutzziele" zu erreichen; mit dieser Energiequelle sei kein Ausstoß von CO2 verbunden.[6] Dies ist nachweislich falsch: Bei der Gewinnung des Uranerzes, der Konversion, dem Bau von AKW sowie der Entsorgung wird CO2 freigegeben; insbesondere die Zementherstellung für Beton bei AKWs oder Lagerstätten ist als besonders CO2-intensiv bekannt.[7]

Für Atomkraft auch nach Tschernobyl und Fukushima

Die nuklearen Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima änderten nichts daran, dass die IEA immer wieder die Nutzung der Atomkraft empfahl.

Auf einem Fachkongress der Konrad-Adenauer-Stiftung am 27. August 1986 erklärte Helga Steeg, die damalige Exekutivdirektorin der IEA, Energieeinsparung und Erneuerbare Energien könnten die Atomkraft nicht ersetzen. Es müsse aber jeder Staat selbst entscheiden, ob er diese Energiequelle nutzen möchte.[8] 1991 sagte sie, dass alle  Mitgliedsländer der IEA nach Tschernobyl festgestellt hätten, dass man wegen der Energiesicherheit auf keine Ernergiequelle verzichten könne, auch nicht auf die Atomenergie.[9]

Im Mai 2011 warnte der IEA-Exekutivdirektor Nobuo Tanaka Deutschland, im Alleingang aus der Atomkraft auszusteigen. Die gefährde die Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit der Energieversorgung in ganz Europa und erhöhe die Strompreise. Atomkraft bleibe "weiterhin eine Option auf dem Weg zu einer möglichst kohlenstoffarmen Stromproduktion."[10][11] Im Mai 2013 lobte die IEA überraschend die Energiewende in Deutschland, die "beachtliche Vorteile" mit sich bringe, und empfahl Deutschland, diesen Kurs beizubehalten.[12]

Fatih_Birol,_Chief_Economist_at_IEA,_talks_about_nuclear_energy

Fatih Birol, Chief Economist at IEA, talks about nuclear energy

Brüssel, 14. November 2014

2014 errechnete die Agentur, dass die installierte Kapazität von Atomkraftwerken bei weitem zu niedrig sei, um die globale Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. Es müssten bis 2025 186 Gigawatt neuer Kapazitäten geschaffen werden.[13]

2017 wurde berichtet, dass die IEA seit der Jahrtausendwende permanent den Zuwachs bei der Photovoltaik ignoriert. Eine Grafik von Statista zeigt, dass sie den Zuwachs entweder viel zu gering einschätzte oder sogar eine Schrumpfung prognostizierte, was nicht der Realität entsprach.[14] 

2019 mahnte die IEA massiv den Ausbau der Atomkraft an. Im "Sustainable Development Scenario" forderte sie, es müssten jährlich 17 zusätzliche Gigawatt Kapazität gebaut werden; damit würde es 2040 doppelt so viele AKW im Vergleich zu heute geben.[15]

Am 28. Mai 2019 veröffentlichte die IEA den Report "Nuclear power in a clean energy system".[16] In diesem Bericht, dem ersten seit zwei Jahrzehnten zur Atomkraft, kritisierte sie, dass dieser Energiequelle ein steiler Niedergang bevorstehe. Wegen des Laufzeitendes vieler AKW, aber auch wegen diverser politischer und wirtschaftlicher Gründe drohe bis 2025 ein Verlust von 25% der Kapazität, bis 2040 sogar drei Viertel. Da dies die Versorgungssicherheit und die globalen Klimaziele gefährde, müsse die Atomkraft wieder auf die Agenda der Energiepolitik gesetzt werden. Sie kritisierte die "Kostenexplosion und Bauzeitverlängerungen" bei neuen AKW-Projekten im Westen. Trotz hoher Kosten müsse in die Laufzeitverlängerung investiert werden.[17][18] Siehe auch → IEA: Nuclear power in a clean energy system

Links

→ IEA: Homepage
→ IEA: Global Energy & CO2 Status Report von 2019

(Letzte Änderung: 22.02.2020)

Einzelnachweise

  1. IEA: Our Mission abgerufen am 20. September 2019
  2. iea Energy Technology Network: Über die Internationale Energieagentur (IEA) abgerufen am 20. September 2019
  3. IEA: THE HISTORY OF THE INTERNATIONAL ENERGY AGENCY - VOLUME II - MAJOR POLICIES AND ACTIONS OF THE IEA von 1994 (S. 184, 187)
  4. Deutsche Welle: Energieagentur empfiehlt Kernkraft vom 7. November 2006
  5. Deutscher Bundestag zur Rolle der IEA: Politiken im Bereich Klimawandel, Klimasicherheit und sichere Energieversorgung von ausgewählten internationalen Regimen und Institutionen vom 19. Dezember 2007
  6. Tagesspiegel: Nur Afrika ist nukleares Niemandsland vom 16. November 2009
  7. bundestag.de: CO2-Bilanzen verschiedener Energieträger im Vergleich vom April 2007
  8. KAS: Vorrang hat die Sicherheit von Mensch und Natur (CDU-DOKUMENTATION 25/1986)
  9. Zeit Online: Vorbereitet auf den Ernstfall vom 11. Januar 1991
  10. Focus Online: Energieagentur warnt Deutschland vor Alleingang vom 23. Mai 2011
  11. heise.de: Nichts gelernt aus Fukushima? vom 24. Mai 2019
  12. Zeit Online: Internationale Energieagentur: Deutscher Atomausstieg erntet überraschendes Lob vom 24. Mai 2013
  13. heise.de: Internationale Energieagentur: mehr Kernkraft gegen CO2-Ausstoß vom 22. Juli 2014
  14. manager magazin: Solarenergie - elf Jahre Ignoranz auf einen Blick vom 17. November 2017
  15. heise.de: CO2-Ausstoß: Einfach nicht aufzuhalten vom 10. April 2019
  16. IEA: Steep decline in nuclear power would threaten energy security and climate goals vom 28. Mai 2019
  17. FAZ: Internationale Energieagentur: „Atomenergie gehört auf die Agenda der Energiepolitik“ vom 29. Mai 2019
  18. Frankfurter Rundschau: Atom statt Kohle - hilft eine längere Laufzeit für AKW, die Klimaziele zu erreichen? vom 4. Juni 2019
Nutzung von Community-Inhalten gemäß CC-BY-SA, sofern nicht anders angegeben.