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Reaktoren außer Betrieb > Gundremmingen B (Bayern)

Siedewasserreaktor • Leistung: 1.344 MW • Typ: BWR-72 • Hersteller: KWU •
Baubeginn: 20. Juli 1976 • Inbetriebnahme: 9. März 1984 • Abschaltung: 31. Dezember 2017[1][2][3]


Vorletzter Siedewasserreaktor in Deutschland

P1110369

AKW Gundremmingen A (im Vordergrund), B und C

Am Standort Gundremmingen, gelegen in der Nähe der bayerischen Stadt Günzburg an der Donau, befinden sich drei Reaktoren: Während Gundremmingen A und B stillgelegt wurden, produziert Gundremmingen C weiterhin Strom.[4] Am Standort befindet sich darüber hinaus ein Zwischenlager.

Gundremmingen B wurde am 9. März 1984 in Betrieb genommen und ging am 31. Dezember 2017 vom Netz. Betreiber ist die "Kernkraft Gundremmingen GmbH" (KGG), Eigentümer sind zu 75 % die RWE Power AG und zu 25 % die E.ON Kernkraft GmbH.[1][5][6] Hersteller war die Kraftwerk Union (KWU).[2] Bauherren waren die Bayernwerk AG (später in E.ON aufgegangen) und RWE.[7]

Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme wurde 1986 vom Kraftwerksleiter in Gundremmingen die Camerata Nucleare gegründet, das "Kammerorchester der Energiewirtschaft". Es sollte, insbesondere nach Tschernobyl, das Ansehen der Atomindustrie verbessern. Das Orchester musizierte u.a. jährlich auf der "Jahrestagung Kerntechnik“ des Deutschen Atomforums und gab 2015 sein letztes Konzert am Standort Gundremmingen.[8]

Geschichte seit 2011

Luftbild KKW Gundremmingen

AKW Gundremmingen

Nach der Fukushima-Katastrophe im März 2011 gab es im Mai 2011 eine spektakuläre Aktion von Umweltschützern gegen den Weiterbetrieb von Gundremmingen B und C, bei der Tausende von Luftballons mit Totenköpfen in die Luft aufstiegen. Sie sollten verdeutlichten, wohin nach einem schweren Unfall die radioaktive Wolke ziehen würde.[9]

Im Juni 2011 fühlte sich der damalige RWE-Chef Großmann wegen der früheren Abschaltung des Blocks B benachteiligt und forderte wie bei beim baugleichen Block C einen Betrieb bis 2021.[10]

2013 planten E.ON und RWE eine Leistungserhöhung von je 100 MW für Gundremmingen B und C.[11] In einem Gutachten vom 14. November 2013 kam dier Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) zum Schluss, "dass die Anlage die aktuellen Sicherheitsanforderungen an Kernkraftwerke im Erdbebenfall "nicht erfüllt". " Als Reaktion darauf erstellte der TÜV SÜD ein Gegengutachten, das zum Ergebnis kam, dass die Anlage alle Sicherheitsanforderungen erfülle. Das Münchener Umweltministerium stellte sich auf die Seite der Betreiber und bestätigte dies.[12] Das Bundesumweltministerium wollte zunächst eine Entscheidung zur Leistungserhöhung treffen, ohne den Rat der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) einzuholen.[13] Nachdem jedoch dem Landtag Zehntausende von Protestunterschriften überreicht worden waren, lehnte dieser den Antrag ab.[14] Am 17. Dezember 2013 zog die Kernkraftwerk Gundremmingen GmbH ihren Antrag auf Leistungserhöhung zurück.[15]

Am 7. April 2016 ging Gundremmingen-B zur letzten großen Revision vor der Abschaltung Ende 2017 vom Netz. Der Betreiber investiert noch einmal "20 Millionen Euro in die Prüfung, Wartung und Modernisierung der Kraftwerkstechnik." Es sollten neue Brennelemente, darunter auch 12 mit Mischoxiden (MOX) eingesetzt werden.[16]

Am 26. Oktober 2017 reichten Naturschutzverbände aus Bayern und Baden-Württemberg eine Petition mit fast 11.000 Unterschriften beim bayerischen Landtag ein, in der eine komplette Abschaltung von Gundremmingen B und C schon im gleichen Jahr gefordert wurde. Diese wurde mit den Stimmen der CSU abgelehnt.[17] Am 16. Dezember überrreichten Atomkraftgegner Georg Nüßlein, dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 40.183 Unterschriften zur sofortigen Abschaltung aller Reaktoren in Gundremmingen.[18]

Sicherheitsmängel und Störfälle

Gundremmingen-B und -C gelten als besonders gefährlich, weil sie nur mit nur einem Kühlkreislauf ausgerüstet sind. → Reaktortypen/Leichtwasserreaktoren

In der im Mai 2012 erschienenen Greenpeace-Studie "Critical Review of the EU Stress Test - performed on Nuclear Power Plants" wurden Mängel der Reaktoren Gundremmingen B und C detailliert aufgezählt. So sind diese beispielsweise weder gegen Erdbeben noch gegen Überflutungen ausreichend geschützt. [19]

Besorgnis löste die Häufung von Defekten an Brennelementen im Reaktor B seit 2010 aus; Atomkraftgegner vermuteten einen Serienfehler, der vom Betreiber systematisch verheimlicht werde, was durch diesen zurückgewiesen wurde.[20]

Am 25. März 2015 kam es zu einem Zwischenfall, als ein Arbeiter versehentlich an den Bedienelementen von Block C und nicht, wie vorgesehen, von Block B hantierte. Die Öffnung eines Armaturgehäuses löste ein Leck, einen Druckabfall im Luftsystem und, nach Bedienung einer weiteren Armatur, eine Schnellabschaltung in Einheit C aus. Dies zeige, so der ehemalige Atomaufseher Dieter Majer, zu welchen Problemen der Betrieb von zwei Reaktoren an einem Standort führen könne.[21] Das Bayerische Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz behauptete laut einer Antwort auf eine Kleine Anfrage im Bundestag im Mai 2015, die Sicherheitseinrichtungen beider Anlagen seien "eindeutig blockzugeordnet und funktional und räumlich vollständig voneinander getrennt".[22]

Stilllegung am 31. Dezember 2017 und Rückbau

Laut Atomgesetz erlosch für Gundremmingen-B am 31. Dezember 2017 die Betriebsgenehmigung.[3] Um 12.00 Uhr wurde der Reaktor vom Stromnetz getrennt und kurze Zeit später abgeschaltet.[6]

Schon zuvor befand sich der Reaktor im sogenanntenn Stretch-out-Betrieb. Anstatt der möglichen 1.344 MW Leistung produzierte der Block weniger als 1.000 MW. Mit dem anstehenden Rückbau möchte der Betreiber unmitttelbar nach der Abschaltung beginnen. Schon im Januar 2018 sollen Öle, Filter und Schmierstoffe aus der Turbine und die Strahlenschutzwände entfernt werden. Die Turbine selbst darf erst nach Eingang einer Genehmigung rückgebaut werden. Die Brennelemente kommen später in ein Abklingbecken und verbleiben dort fünf Jahre. Ab 2022 kann mit dem Rückbau der Sicherheitssysteme begonnen werden.[23]

Für die Stilllegung von Gundremmingen-B stellte RWE im Dezember 2014 einen Antrag zum Abbau von Anlagenteilen im Bayerischen Umweltministerium.[24] Dieser wurde im März 2019 genehmigt.[25]

Laut "Augsburger Allgemeine" sollen Gundremmingen B und C bis 2040 endgültig rückgebaut und entsorgt werden. Die Rückbauarbeiten sollen größtenteils innerhalb der Reaktorgebäude durchgeführt werden. Dabei könne ein "geringer Anteil" radioaktiver Substanzen in Atmosphäre und Wasser freigesetzt werden. Die Grenzwerte sollen dabei nicht überschritten werden[26] Die Rückbaukosten für beide Einheiten werden auf 1,5 Mrd. Euro geschätzt.[25]

Weitere Links

→ KGG: Homepage (Informationen des Betreibers)
→ AtomkraftwerkePlag: Gundremmingen A (Bayern)
Zwischenlager an Atomkraftwerken: Gundremmingen
Verein FORUM

Fernsehbeiträge

  • Energiewende auf bayerisch - Atomkraftwerk Gundremmingen wird hochgefahren
    "Nach der Atomkatastrophe von Fukushima schlug sich CSU-Ministerpräsident Seehofer vehement auf die Seite der Atomkraftgegner. Zwei Jahre danach fördert seine Landesregierung die Aufrüstung des Uralt-Meilers in Gundremmingen. RWE und EON wollen die Leistung ausbauen und bis zur Abschaltung Kasse machen."[27]

    Resümee des Kontraste-Beitrags: Gundremmingen B und C sind nicht für die Leistungssteigerung ausgelegt, die Bevölkerung wird aus Profitgründen gefährdet. Die Bayerische Regierung stützt sich bei der Genehmigung der Atomstromausweitung auf ein Gutachten des TÜV SÜD. Horst Seehofer lehnte eine Stellungnahme ab.
Energiewende auf bayerisch Atomkraftwerk Gundremmingen wird hochgefahren (ARD Kontraste)

Energiewende auf bayerisch Atomkraftwerk Gundremmingen wird hochgefahren (ARD Kontraste)

ARD, Kontraste vom 13. Juni 2013

(Letzte Änderung: 14.04.2020)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Germany abgerufen am 26. Mai 2014
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. 3,0 3,1 BfE: Laufzeiten und Elektrizitätsmengen deutscher Kernkraftwerke abgerufen am 22. November 2019
  4. KGG: Homepage abgerufen am 23. Juli 2014
  5. KGG: Das Kernkraftwerk/Portrait abgerufen am 2. Oktober 2012
  6. 6,0 6,1 kkw-gundremmingen.de: Block B: Zuverlässige Stromerzeugung nach 33 Jahren beendet vom 31. Dezember 2017
  7. Kernkraftwerk Gundremmingen: Chronologie Blöcke B und C des Kernkraftwerks Gundremmingen 1973 – 2009 vom 13. März 2009
  8. FAZ.net: Orchester der Atomindustrie - Die Unvollendete vom 20. Februar 2015
  9. Süddeutsche.de: Mit Totenköpfen und Ballons gegen Atomkraft vom 14. Mai 2011
  10. Augsburger Allgemeine: RWE wehrt sich - Energiekonzern will Gundremmingen B bis 2021 am Netz halten vom 7. Juni 2011
  11. swp.de: Aktivisten besorgt wegen Leistungserhöhung in Gundremmingen vom 24. Februar 2013
  12. Spiegel Online: Gundremmingen: Gutachten zweifelt an Erdbebensicherheit von AKW vom 7. März 2014
  13. FR Online: Ministerium ignoriert Atom-Experten vom 10. Dezember 2013
  14. Handelsblatt: Keine Ausweitung der AKW-Produktion vom 17. Dezember 2013
  15. kkw-gundremmingen.de: Kernkraftwerk Gundremmingen zieht den Antrag auf Leistungserhöhung zurück vom 17. Dezember 2013
  16. KKG: Block B geht zur Revision vom Netz vom 6. April 2016
  17. swp.de: 11.000 Unterschriften: Petition gegen AKW Gundremmingen scheitert im Landtag vom 27. Oktober 2017
  18. Augsburger Allgemeine: Atom-Gegner überreichen 40.000 Unterschriften für AKW-Abschaltung  vom 17. Dezember 2017
  19. greenpeace.de: Critical Review of the EU Stress Test - performed on Nuclear Power Plants vom Mai 2012 (via WayBack)
  20. Augsburger Allgemeine: AKW-Gegner: Defekte an Brennelementen verheimlicht vom 4. April 2013
  21. SWP: AKW: Falscher Handgriff wirft Fragen auf vom 1. April 2015
  22. Deutscher Bundestag: Fragen zur Blocktrennung bei den Atomkraftwerken Gundremmingen B und C im Lichte einer meldepflichtigen Reaktorschnellabschaltung (Drucksache 18/4888) vom 12. Mai 2015
  23. Heidenheimer Zeitung: Mittags wird der Knopf gedrückt: Block B geht am Sonntag für immer vom Netz vom 28. Dezember 2017
  24. Augsburger Allgemeine: Der Atomausstieg wird konkret vom 12. Dezember 2014
  25. 25,0 25,1 bayernkurier.de: Der Letzte macht das Licht aus vom 28. Dezember 2019
  26. Augsburger Allgemeine: Bis 2040 soll Atomkraftwerk abgebaut sein vom 22. Oktober 2016
  27. rbb-online.de Energiewende auf bayrisch: Atomkraftwerk Gundremmingen wird hochgefahren vom 13. Juni 2013
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