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Die Fukushima-Katastrophe > Der GAU von Fukushima und die Folgen

11. März 2011 • Explosionen, Kernschmelzen, Freisetzung radioaktiver Stoffe •
INES-Stufe 7 (Katastrophaler Unfall)[1] • Geschätzte Kosten: 260 Mrd. US-Dollar[2]


Erdbeben und Tsunamis

Am Freitag, dem 11. März 2011 um 14.46 Uhr Ortszeit, sackte 129 Kilometer östlich der japanischen Küste die Erdkruste der pazifischen Platte plötzlich in die Tiefe. Ein Erdbeben der Stärke 9,0 ereignete sich, und 40 Minuten später trafen mehrere Flutwellen die japanische Ostküste. Als direkte Folge des Erdbebens und der Tsunamis starben über 19.000 Menschen, 561 Quadratkilometer Land  wurden überflutet, 120.000 Gebäude zerstört und weitere hundertausende Gebäude erheblich beschädigt.[3][4]

Explosionen und Kernschmelzen

Das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit seinen sechs Reaktoren an der Ostküste der Präfektur Fukushima wurde von einer 14 Meter hohen Flutwelle überschwemmt – die Kaimauern waren nur 10 Meter hoch. Die Stromleitungen wurden abgetrennt, die Notstromversorgung und wichtige Kontrollmöglichkeiten zerstört, das Kühlsystem und die Messanzeigen fielen aus. Alle vier Reaktoren waren zwar nach dem Erdbeben abgeschaltet worden, aber Temperatur und Druck stiegen wegen der andauernden Kernreaktionen in den Brennstäben immer stärker an. Am folgenden Tag, dem 12. März 2011 um 15.36 Uhr, detonierte Reaktor 1, dessen Decke von einer Wasserstoffexplosion zerrissen wurde. Eine radioaktive Wolke stieg in den Himmel. Es folgten weitere Explosionen: am 14. und 16. März in Reaktor 3, am 15. März in den Reaktoren 2 und 4. In den Reaktoren 1 bis 3 ereigneten sich Kernschmelzen,[3][4] was der Betreiber TEPCO zunächst verschwieg und erst am 24. Mai 2011 einräumen musste.[5]

Die Einheiten 5 und 6, die schon vor dem Erdbeben abgeschaltet waren, wurden nicht beschädigt.[3] Das 12 Kilometer weiter südlich gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiini wurde zwar auch überflutet. Da aber eine von vier Stromleitungen intakt blieb, konnte die Lage wieder unter Kontrolle gebracht werden. Details unter → Fukushima Daini (Japan). Im AKW Onagawa im Nordosten Japans kam es zu Bränden. Es fielen vier von fünf Stromleitungen aus, mit der verbliebenen fünften konnte aber eine Notabschaltung aller Reaktoren durchgeführt werden. → Onagawa (Japan)

Hersteller der vier explodierten Reaktoren in Fukushima Daiichi waren drei renommierte internationale Gesellschaften gewesen: General Electric (Einheit 1), GE-Toshiba (Einheit 2), Toshiba (Einheit 3) und Hitachi (Einheit 4).[6]

Nachdem die Fukushima-Katastrophe in der Bewertungsskala INES zunächst in Stufe 5 eingeordnet worden war, wurde sie am 12. April 2011 als katastrophaler Unfall der Stufe 7 (GAU) klassifiziert.[7][8]

Laut einer Analyse von 2013 wäre die Katastrophe von Fukushima in dieser Form vermeidbar gewesen. Sie ist u. a. darauf zurückzuführen, dass die vom Erdbeben und dem folgendem Tsunami ausgehenden Gefahren unterschätzt wurden.[9]

Mittlerweile gibt es Zweifel, dass der GAU ausschließlich durch den Tsunami verursacht wurde. Im November 2013 erklärte ein früherer Kraftwerksingenieur von TEPCO, Toshio Kimura, nach einer Analyse von Daten zu den Vorkommnissen im AKW, dass die Kühlflüssigkeit gleich nach dem Erdbeben in die falsche Richtung floss und aus dem Gleichgewicht geriet. Deswegen sei die Kühlung bereits vor dem Tsunami, als Folge des Erdbebens, komplett ausgefallen.[10]

Im Dezember 2018 wurden drei ehemalige TEPCO-Führungskräfte wegen professioneller Fahrlässigkeit zu fünfjähriger Haftstrafe verurteilt.[11]

Die Folgen

Radiation hotspot in Kashiwa 02

Stadt Kashiwa, etwa 30 Kilometer nordöstlich von Tokio im Februar 2012 - gesperrte Straße wegen eines sog. HotSpots

Nach dem GAU musste das umliegende Gebiet evakuiert werden, eine 20 Kilometer große Evakuierungszone wurde eingerichtet. Rund 8 % der japanischen Landfläche wurden verstrahlt.[3][4]

Die Emission radioaktiver Stoffe in Luft, Boden und Pazifischen Ozean begann mit den Explosionen in den Reaktoren und dauert bis heute an. Die japanische Regierung berichtete im Juni 2011 an die IAEO, dass die Bevölkerung über die Luft mit folgenden Strahlenpartikeln belastet wurde: "Xenon-133, Cäsium-134 und -137, Strontium-89 und -90, Barium-140, Tellur-127m, -129m, -131m und -132, Ruthenium-103 und -106, Zirkonium-95, Cerium-141 und -144, Neptunium-239, Plutonium-238, -239, -240 und -241, Yttrium-91, Praseodym-143, Neodym-147, Curium-242, Jod-131, -132, -133 und 135, Antimon-127 und -129 sowie Molybdän-99."[12]

Rund 150.000 Menschen mussten die Region Fukushima verlassen. Lange machte die Regierung den Vertriebenen Hoffnungen auf eine Rückkehr. Erst im November 2013 erklärte ein Vertreter der japanischen Regierungspartei, dass die Regierung Gebiete benennen musste, "die wegen der radioaktiven Verseuchung niemals mehr bewohnbar sein würden." Die betroffenen ehemaligen Bewohner sollen entschädigt werden.[13]

Eine Bilanz vom August 2013:[14]

  • 210 Tonnen Corium (Schmelzmasse), Tausende von Grad heiß, fraßen sich durch den Beton der Reaktoren 1 bis 3.
  • 300.000 Liter kontaminiertes Wasser flossen Tag für Tag ins Meer (seit März 2011 ca. 270 Millionen Liter).
  • 2.000 Arbeiter wurden verstrahlt.
  • 160.000 Menschen wurden evakuiert.
  • Sieben Hektar Meeresboden mussten zubetoniert werden.
  • 10.833 Brennelemente wurden auf dem Gelände gelagert, die gefährdet waren.
     

Das Ausmaß der Katastrophe und deren Folgeschäden sind zum Teil auch von den Behörden und dem Betreiber TEPCO mit verschuldet worden. Der "Focus" hat in einem Artikel ausführlich deren Versagen und die dilettantische Ausführung der Katastrophenschutzmaßnahmen seit März 2011 dokumentiert. → Focus: Eine Chronik des Versagens vom 14. September 2013

Laut einer Studie des französischen Instituts für Klima- und Umweltwissenschaften (LSCE) in Paris wurden die bei der Fukushima-Katastrophe freigesetzten radioaktiven Substanzen durch Taifune stark weiterverbreitet. "Die Wirbelstürme würden die Böden in der Region um Fukushima auswaschen, in denen sich radioaktives Material wie Cäsium 134 und Cäsium 137 abgelagert habe". Die Substanzen gelangten so in Flüsse und in den Pazifik.[15]

2017 wurden in den vier zerstörten Reaktoren so hohe Strahlungswerte gemessen, dass Menschen im Inneren nach wenigen Minuten sterben würden. Das Risiko eines Austritts ionisierender Strahlung aus Reaktor 1 sei deutlich angestiegen. In den Einheiten 1 und 3 ist die Sondierung der Lage selbst mit Robotern hochproblematisch. In Einheit 2 wurde ein großes Loch unter dem Reaktordruckbehälter entdeckt, das vermutlich von heruntergefallenden atomaren Brennstoff verursacht wurde. Die Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern in Fukushima steigen weiter an.[16][17]

Hohe Kosten

Die Fukushima-Katastrophe verursachte – über das menschliche Leid und die Schäden für die Umwelt hinaus – auch enorme Kosten für Japan: nach einer Schätzung aus dem Jahr 2012 waren es 260 Mrd. US-Dollar.[2]

Im November 2013 kündigte die japanische Regierung eine Aufstockung der Finanzmittel für Aufräumarbeiten und Entschädigungen von 50 auf 80 Mrd. US-Dollar an.[18] Da die Fristen zur Geltendmachung von Entschädigungen für den AKW-GAU schon im März 2014 abläuft, reichten im gleichen Monat Geschädigte eine Petition mit 80.000 Unterschriften ein, die Fristen zu verlängern. Ein Senator wandte sich mit einer Bittschrift an den japanischen Kaiser.[19]

Nach einem Vorschuss von 5 Billionen Yen bewilligte die Regierung im Dezember 2013 weitere 4 Billionen Yen (28 Mrd. Euro) für den Entschädigungsfonds, mit dessen Hilfe die Folgekosten gedeckt werden sollen. Auch die Dekontaminierungskosten sollten aus Steuermitteln finanziert werden.[20]

Dekontamination und geplante Maßnahmen

Chroniken und weitere Quellen

→ GSR: Fukushima Daiichi – Unfallablauf, radiologische Folgen (5. Auflage 2016)
→ Focus Online: Zweiter Jahrestag der Atomhavarie - Chronologie einer Katastrophe vom 8. März 2013
→ Focus Online: Alles über den Tsunami und die Atomkatastrophe in Japan
→ Zeit Online: Wie Japan die Folgen von Beben, Tsunami und GAU bewältigt
→ RiskNET: Konsequenzen für das Risikomanagement - Die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 8. Oktober 2013
→ Live Science: Inside Japan's Nuclear Reactors (Infographic) vom 14. März 2011. Aufbau der Fukushima-Reaktoren

 

(Letzte Änderung: 10.02.2020)

Einzelnachweise

  1. IAEO: Challenges for Removal of Damaged Fuel and Debris von 2013 (englisch) vom 1. Februar 2013
  2. 2,0 2,1 tagesschau.de: Kosten von Atomunfällen - Fukushima, Tschernobyl und viele andere vom 11. März 2014.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Zeit Online: Chronik des Versagens vom 1. März 2012
  4. 4,0 4,1 4,2 Spiegel Online: Fukushima-Katastrophe - Japans dunkelster Tag vom 12. März 2012
  5. Hamburger Abendblatt: Tepco gibt zu: Kernschmelze in drei Fukushima-Reaktoren vom 24. Mai 2011
  6. IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  7. n-tv: Katastrophaler Atom-Unfall - Fukushima erreicht höchste Stufe vom 12. April 2011
  8. IAEO: The International Nuclear and Radiological Event Scale (INES) abgerufen am 9. April 2017
  9. RiskNET: Konsequenzen für das Risikomanagement - Die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 8. Oktober 2013
  10. The Japan Times: Cracks in Tepco’s 3/11 narrative vom 17. November 2013
  11. Sumuikai: Ehemalige TEPCO-Führungskräfte erhalten fünfjährige Haftstrafe vom 27. Dezember 2018
  12. IPPNW: Fukushima: Das atomare Zeitalter beenden vom 25. Februar 2012
  13. n24.de: Offenbar keine Hoffnung für Fukushima-Flüchtlinge - "Ihr könnt dort nicht mehr leben" vom 3. November 2013
  14. nachrichten.at: Albtraum Fukushima - "Das Schlimmste steht noch bevor" vom 21. August 2013
  15. RP Online: Die Spätwirkungen von Fukushima 2 - Taifune verbreiten radioaktives Material weiter vom 28. November 2013
  16. The Japan News: Long way ahead for decommissioning of nuclear power plant in Fukushima vom 7. März 2017 (via WayBack)
  17. IPPNW: Die Atomkatastrophe besteht fort vom 7. März 2017
  18. n-tv.de: Japan plant weitere 30 Milliarden Dollar für Fukushima ein vom 15. November 2013
  19. taz.de.: Opferverbände überreichen Petition vom 12. November 2013
  20. japanmarkt.de: Fukushima-Katastrophe kostet Steuerzahler immer mehr vom 24. Dezember 2013 (via WayBack)
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