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Einträgliche Geschäfte mit Atommüll

Castor Transport im Bahnhof SBB @ Basel

CASTOR-Transport im Bahnhof Basel

Castoren, Spezialbehälter für die Lagerung und den Transport radioaktiver Materialien, sind in Deutschland gleichsam zu Symbolen für die Auseinandersetzung zwischen Staat und Atomkraftgegnern um die Atomenergie geworden.[1]

Daneben sind Castoren aber auch eine sichere zusätzliche Einkommensquelle für die vier großen Energiekonzerne. Bei den Behältern mit den geschützten Markennamen CASTOR®, CONSTOR® und POLLUX® handelt es sich nämlich um Produkte der → Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS).[2]

Und die Eigentümer dieses in Essen ansässigen Unternehmens sind die E.ON-Tochter PreussenElektra (48 %), RWE Nuclear (28 %), die Südwestdeutsche Nuklear-Entsorgungs-Gesellschaft (SNE) (18,5 %), die EnBW und E.ON gehört, und schließlich die Vattenfall Europe Nuclear Energy (5,5 %).[3]

Das Geschäft mit den Castoren hat sich seit dem Ausstiegsbeschluss in Deutschland zu einer wahren Goldgrube entwickelt. Während in früheren Jahren 40 bis 50 Castoren jährlich ausgeliefert wurden, sind es mittlerweile 80. Castoren werden nämlich nicht nur für den Transport abgebrannter Brennelemente, sondern auch für deren Zwischenlagerung benötigt. Ein Castor-Behälter kostete 2013 rund zwei Mio. Euro. Neben Deutschland werden zunehmend auch andere Staaten mit Castor-Behältern beliefert.[1] 2019 lag der Jahresumsatz der GNS bei 250 Mio. Euro.[4]

Erhöhte Strahlungswerte

Die Castor-Behälter sind vor allem im Jahr 1998 wegen erhöhter Strahlung in den Medien kritisiert worden.

So wies der "Focus" darauf hin, dass bei Castor-Behältern Strahlung gemessen wurde, die die erlaubten Grenzwerte um das Doppelte überschritt. Die Energiekonzerne wussten dies seit mehr als 10 Jahren, verschwiegen es aber konsequent.[5] Nach Ansicht des "Spiegel" wurden erfolgversprechende Alternativen aus Kostengründen von den Energiekonzernen nicht weiterentwickelt. "Auch für die Zukunft heißt die sparsame Parole: besser putzen."[6] Großen Anteil an der Empörung hatte die damalige Umweltministerin Merkel, die 1995 trotz großer Widerstände und Proteste Transporte nach Gorleben durchsetzte. Aufgrund der erhöhten Strahlung musste Merkel, die sich "als Opfer der Nukleargemeinde" fühlte, 1998 jedoch sämtliche Castor-Transporte stoppen. Zuvor war festgestellt worden, dass Atomtransporte bei ihrer Ankunft in den Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague und Sellafield eine deutlich, zum Teil 3000 mal höhere radioaktive Verseuchung aufwiesen als bei ihrer Abfahrt aus Deutschland.[7]

Angela Merkel konterte in einer Meldung des Bundesumweltministeriums, dass von Castor-Transporten keinerlei Gefahr für die Bevölkerung ausgehe und wies entsprechende Pressemeldungen zurück. "Der Strahlenschutz ist umfassend gewährleistet. Ich bedauere sehr, daß durch unbegründete Behauptungen immer wieder bewußt ein gegenteiliger Eindruck erweckt und damit zur Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen wird."[8] Und auch die Strahlenschutzkommission (SSK) beschwichtigte in einer Stellungnahme, dass "die jetzt bekannt gewordenen Kontaminationen weder bei Transporten abgebrannter Brennelemente nach La Hague noch bei CASTOR-Transporten innerhalb der Bundesrepublik Deutschland zu einer Erhöhung der Strahlenbelastung des Begleitpersonals oder der Bevölkerung geführt haben."[9]

Untersuchungen der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) brachten jedoch im Jahr 2000 ans Tageslicht, dass der Grenzwert von vier Becquerel pro Quadratzentimeter für die Strahlung bei jedem Transport deutlich überschritten wurde, zum Teil um mehr als den Faktor 1000. Als hauptsächliche Ursache sah man an, dass beim Be- und Entladen von Brennelementen radioaktives Wasser aus dem Entladebecken mit dem Castor-Behälter in Berührung kam. Um dies zu verhindern, setzte man sogenannte Kontaminationsschutzhemden ein, die den Behälter umschlossen.[10]

Der Hersteller GNS, der 2001 immer noch nicht zugeben wollte, dass von den erhöhten Strahlungswerten eine Gefährdung ausgegangen war, nannte neben Kontaminationsschutzhemden als weitere Maßnahmen messtechnische Überprüfungen und Kontrollen sowie ein "konzertiertes Vorgehen aller Beteiligten nach den gleichen Grundsätzen".[11]

Die geltenden Grenzwerte wurden nie in Frage gestellt, und auch die Gefahren der Niedrigstrahlung wurden nicht thematisiert. → AtomkraftwerkePlag: Gesundheitsgefährdung - Jede Strahlung ist gefährlich

Verzögerungen bei der Zulassung

Castoren besitzen Zulassungen, in denen definiert wird, "mit welchen Brennelementtypen und unter welchen Rahmenbedingungen eine Beladung erfolgen darf". Es dürfen nicht alle Brennelemente-Typen in vorhandenen Castorentypen gelagert werden.[12]

Für die Bauarten CASTOR®V/19 und -V/52 waren 2015 noch nicht alle Zulassungen erteilt worden, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage aus dem Bundestag vom Mai 2015 hervorgeht. Dies könnte den Rückbau der Atomkraftwerke verzögern. Aus dem Dokument geht außerdem hervor, dass die Brennelemente der 2011 abgeschalteten Atomkraftwerke zwischen 2016 und 2020 entfernt werden sollten.[13]

Laut GNS sind mittlerweile (Stand: Juni 2019) alle Zulassungen vorhanden.[14]

Defekte und Mindesthaltbarkeit von 40 Jahren

Der Hersteller GNS stellt auf seiner Homepage die hohe Qualität seiner Produkte heraus, die allen Sicherheitsanforderungen gerecht würden und auch "extremen Auswirkungen von außen" widerstehen könnten.[15]

Es sind jedoch auch Meldungen über Defekte und die beschränkte Haltbarkeit von Castoren durch die Presse gegangen.

Im November 2009 wurde ein Defekt an einem Druckschalter eines Castor-Behälters in Gorleben festgestellt. In Untersuchungen wurde geprüft, ob es sich um einen Einzelfall oder einen Systemfehler handelte.[16]

2010 kritisierte die zuständige Genehmigungsbehörde, die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), ein unzulässiges Schweißverfahren bei der Herstellung der Castoren; die BAM befürchtete, dass GNS "keine qualitätsgesicherte Fertigung" gewährleisten könne.[17]

2013 berichtete der "NDR", dass Zwischenlager über eine "heiße Zelle" verfügen müssten, in der defekte Castoren repariert werden könnten. Im Beitrag wurde nicht darauf eingegangen, woher die Defekte stammen und warum Reparaturen durchgeführt werden müssen.[18]

Im September 2014 verbot die BAM vorübergehend den Einsatz von 44 Castoren, da die Tragszapfen der Behälter nicht ausreichend geprüft wurden. Während Umweltministerien Klärungsbedarf sahen und Umweltorganisationen eine Nichteinhaltung von Sicherheitsvorschriften kritisierten, wiegelten GNS und E.ON ab und sahen nur ein "formales Problem".[19] Im April 2015 wurde berichtet, dass 315 Castoren in Deutschland wegen der unzureichenden Prüfung der Tragzapfen nicht bewegt oder transportiert werden durften.[20]

Für eine langfristige sichere Lagerung eignen sich Castoren ohnehin nicht. Laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wird eine Mindesthaltbarkeit von nur 40 Jahren garantiert. Danach müssen Castoren ständig überwacht und wieder einer Prüfung und Genehmigung unterzogen werden.[21]

Da stellt sich die Frage, wie Castoren bei einer Lagerzeit von Tausenden von Jahren geprüft bzw. instandgesetzt werden sollen. Es ist zu befürchten, dass sich die Castoren über lange Zeiten zersetzen und der Atommüll in den Lagern ungeschützt Radioaktivität freigibt.

Weitere Links

→ kernenergie.de: Zwischenlagerung von radioaktiven Abfällen in Deutschland (Informationen der Lobbyorganisation Deutsches Atomforum (DAtF), S. 5) vom Dezember 2013 (via WayBack)

Fernsehbeitrag

  • Die Skandale der Atomindustrie
    1998: "Der Stolz der deutschen Atomindustrie, die scheinbar unkaputtbaren Castoren strahlen. Und zwar bis zu 3000 mal mehr, als die Polizei erlaubt." Quelle: Video
ZDF.umwelt vom 06.09

ZDF.umwelt vom 06.09.2009 - Die Skandale der Atomindustrie

Min. 4:38 - 6:01

(Letzte Änderung: 19.06.2020)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Deutsche Welle: Castor-Behälter haben Konjunktur vom 29. Juli 2013
  2. GNS: Behälter abgerufen am 19. Juni 2020
  3. GNS: Gesellschafter abgerufen am 19. Juni 2020
  4. GNS: Unternehmen abgerufen am 19. Juni 2020
  5. Focus Online: CASTOR-TRANSPORTE - Der PR-Gau vom 25. Mai 1998
  6. DER SPIEGEL 34/1998: ATOMTRANSPORTE - Kurieren am Symptom vom 17. August 1998
  7. Zeit Online: Der Castor-Skandal zeigt: Selbstkontrolle der Atomindustrie ist nicht genug vom 28. Mai 1998
  8. BMU: Strahlenschutz bei CASTOR-Transport nach Ahaus gewährleistet vom 20. März 1998 (via WayBack)
  9. SSK: Strahlenschutz und Strahlenbelastung im Zusammenhang mit Polizeieinsätzen anläßlich von CASTOR-Transporten von 1998
  10. n-tv: Castor-Transporte - Der Kampf gegen die Strahlung vom 22. März 2000
  11. VDI: Die Sicherheit von CASTOR ® -Transporten, ein Beitrag der GNS von 2001 (via WayBack)
  12. Bayerischer Landtag: Gefahren durch Atommülldauerlagerung im Nasslager des Atomkraftwerks Gundremmingen (Schriftliche Anfrage und Antwort, Drucksache 17/5396) vom 22. April 2015
  13. Deutscher Bundestag: Kernbrennstofffreiheit und Rückbau der im Jahr 2011 endgültig abgeschalteten Atomkraftwerke und des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld (Antwort auf die Kleine Anfrage, Drucksache 18/4887) vom 12. Mai 2015
  14. GNS: CASTOR® V/19 und CASTOR® V/52 abgerufen am 19. Juni 2020
  15. GNS: CASTOR® abgerufen am 19. Juni 2020
  16. taz.de: Teure Reparaturen nötig - Castor-Druckschalter kaputt vom 20. November 2009
  17. Frankfurter Rundschau Streit über neue Castor-Behälter vom 26. August 2010 (via WayBack)
  18. NDR.de: Wohin mit dem Müll, wenn nicht nach Gorleben? vom 27. März 2013 (via WayBack)
  19. NDR.de: Sicherheitscheck fehlt: Castoren zurückgerufen vom 5. September 2014 (via WayBack)
  20. Tagesspiegel: Mängel an den Tragvorrichtungen Transport von Castor-Behältern verboten vom 10. April 2015
  21. BfS: Hochradioaktive Abfälle (Textfassung) vom 5. Mai 2015 (via WayBack)
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