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Organisationen und Kommissionen > Bundesamt für Strahlenschutz (BfS)

Kompetenzbündelung nach Tschernobyl

BfS Erkundungsbergwerk Gorleben Eingang (Ausschnitt)

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wurde im Jahr 1989 aufgrund eines entsprechenden Gesetzes vom 9. Oktober 1989 gegründet.[1]

Das Bundesamt beschreibt seine Funktion wie folgt: "Das BfS arbeitet für die Sicherheit und den Schutz des Menschen und der Umwelt vor Schäden durch ionisierende und nichtionisierende Strahlung. Im Bereich der ionisierenden Strahlung geht es zum Beispiel um die Röntgendiagnostik in der Medizin, die Sicherheit beim Umgang mit radioaktiven Stoffen in der Kerntechnik und den Schutz vor erhöhter natürlicher Radioaktivität."[2]

Präsident des BfS war zunächst Alexander Kaul; 1999 setzte Jürgen Trittin den Atomkraftkritiker Wolfram König ein, der zuvor "bündnisgrüner Umweltstaatssekretär in Sachsen-Anhalt" gewesen war.[3] König kritisierte zur Zeit der rot-grünen Regierung, dass die Betreiber ihren Schutzpflichten nicht nachkommen. Fünf der 18 laufenden AKW seien nicht hinreichend vor Terroranschlägen gesichert. Er empfahl, diese Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen.[4]

Seit April 2017 ist  Dr. Inge Paulini Präsidentin des BfS.[5]

Kritik durch Atombefürworter

Spätestens seit 2006 geriet das Bundesamt für Strahlenschutz immer wieder in das Kreuzfeuer zwischen Atomkraftbefürwortern und -gegnern. So warf der Wissenschaftsrat des damaligen Bundesumweltministers Gabriel 2006 dem BfS vor, "schlechte wissenschaftliche Arbeit" zu leisten; diese entspreche vor allem in den Bereichen Sicherheit und Entsorgung nicht mehr dem aktuellen Stand. So forderte der Wissenschaftsrat, mehr im Bereich neuer Reaktoren zu forschen. Gabriel wies die Kritik zurück, hinter der er eine dem Ausstiegskurs widersprechende Absicht vermutete.[6]

2007 veröffentlichte das BfS die "Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" (KiKK-Studie). Aus den Untersuchungen durch das deutsche Kinderkrebsregister schloss das BfS, dass zwischen der Leukämiehäufigkeit und der Strahlung von Atomkraftwerken ein Zusammenhang bestehen könne. Das Risiko einer Leukämieerkrankung von Kindern nehme zu, je näher der Wohnort an einem Atomkraftwerk liege.[7] Die Union hingegen kritisierte diese Einschätzung des BfS als "tendenziös" und warf ihm vor, Stimmung gegen die Atomkraft zu machen.[8]

→ doris.bfs.de: Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie)

Betreiber von Atommülllagern

Das Bundesamt für Strahlenschutz betrieb bis 2016 die vier potenziellen Endlager: Schacht Konrad, Morsleben, Asse und Gorleben.[9]

Im September 2008 war die Verantwortung für die Asse vom Bundesforschungs- auf das Bundesumweltministerium und damit vom heftig kritisierten Helmholtz-Zentrum auf das BfS als Betreiber übergegangen.[10] Im November 2009 beauftragte das BfS den TÜV Süd mit einer Überprüfung des Inventars der Asse. Im Bericht, der 2011 geliefert wurde, wurde festgestellt, dass in der Asse neben Uran auch Plutonium eingelagert wurde.[11]

2009 wurde eine interne Bewertung des BfS bekannt, nach der die hohen Kosten für den Salzstock Gorleben darauf zurückzuführen sind, dass dieses parallel zur Erkundung bereits als Endlager ausgebaut würde. Bürgerinitiativen warfen dem BfS vor, dies bislang vor der Öffentlichkeit verborgen zu haben.[12] In einem Interview wies der ehemalige Präsident König diesen Vorwurf zurück und forderte, schnellstmöglich "ein faires und transparentes Verfahren für die Suche und Beurteilung eines Endlagerstandortes" einzuleiten.[13]

Als die schwarz-gelbe Regierung 2010 die Laufzeitverlängerung für AKW durchsetzen wollte, plante sie eine Entmachtung des BfS und seines grünen Präsidenten. So wurde überlegt, alle Atommülllager direkt dem Bundesumweltministerium zu unterstellen und zu privatisieren. Nach heftiger Kritik von der Opposition, aber auch aus Reihen der Koalition, wurden diese Pläne ad acta gelegt.[14]

Räumung der Asse und Endlagersuche

Bis 2016 lagen zwei der Schwerpunkte der Arbeit des BfS in der geplanten Räumung der Asse und der geplanten Endlagersuche. In einem Interview im Januar 2010 erklärte der ehemalige BfS-Präsident König, dass sich das BfS nach genauer Prüfung für eine Bergung aller Fässer aus der Asse als beste Lösung entschieden habe. Bei Wassereinbrüchen müssten Notfallmaßnahmen ergriffen werden.[15] Trotz eines massiven Anstiegs der Blutkrebserkrankungen im Umfeld der Asse erklärte das BfS im November 2010, dass keine Gefahren von der Asse ausgehen.[16]

Anfang 2012 wurde bekannt, dass das BfS die Sicherheit der Atommüll-Zwischenlager an den AKW-Standorten verbessern wollte. Nach einer Meldung in "n-tv" sollten 10 Meter hohe Stahlbetonmauern um die Standorte gebaut werden.[17]

Im Februar 2012 drang König darauf, dass dem Bundesamt für Strahlenschutz, das alle potenziellen Endlager betreibt, die Verantwortung für die Endlagersuche übertragen wird. "König schrieb, es sei nicht anzuraten, die laufenden Endlagerprojekte vom Suchverfahren zu trennen."[9]

Studie zum Katastrophenschutz

2012 erstellte das BfS eine Studie über mögliche Atomunfälle in Deutschland. Daraus geht hervor, dass eine Katastrophe vom Ausmaß Fukushimas in Deutschland den Katastrophenschutz überfordern würde, weil die Notfallpläne unzureichend sind und es keine Evakuierungspläne gebe. "Die mit radioaktiven Stoffen verseuchten Flächen wären weitaus größer als bislang angenommen, ganze Städte müssten evakuiert werden."[18]

→ AtomkraftwerkePlag: GAU in Deutschland: Was wäre, wenn ...?

Weitere Links

Bundesamt für Strahlenschutz (Homepage)
→ BfS: BfS-Themen im Bundestag (Links auf das Dokumentations- und Informationssystem DIP)
→ BfS: Analyse der Vorkehrungen für den anlagenexternen Notfallschutz für deutsche Kernkraftwerke basierend auf den Erfahrungen aus dem Unfall in Fukushima (via WayBack)

(Letzte Änderung: 18.01.2020)

Einzelnachweise

  1. gesetze-im-internet.de: Gesetz über die Errichtung eines Bundesamtes für Strahlenschutz abgerufen am 1. August 2013
  2. BfS: Wir über uns abgerufen am 21. Oktober 2015
  3. DER SPIEGEL 9/1999: Kritischer Aufseher vom 1. März 1999
  4. Süddeutsche.de: Terror-Gefahr - Alte Atommeiler nicht vor Anschlägen geschützt [SZ gibt als Datum den 19. Mai 2010 an; der Artikel dürfte schätzungsweise 2002/2003 erschienen sein, da die rot-grüne Bundesregierung im Text genannt wird.]
  5. BfS: Präsidentin des BfS abgerufen am 18. Januar 2020
  6. Spiegel Online: Atomenergie: Gutachterstreit sorgt für Neuordnung im Strahlenschutz vom 19. Dezember 2006
  7. doris.bfs.de: Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken (KiKK-Studie) abgerufen am 26. September 2012
  8. Hamburger Morgenpost Bundestag - Unions-Vorwürfe gegen Bundesamt für Strahlenschutz vom 13. Dezember 2007
  9. 9,0 9,1 wallstreet-online.de: 'SZ' - Strahlenschutzamt will Endlagersuche in die Hand nehmen vom 15. Februar 2012
  10. FAZ.net: Streit um Atomlager - Bundesamt für Strahlenschutz übernimmt Asse vom 4. September 2008
  11. bfs.de TÜV SÜD überprüft Inventar-Bericht des Helmholtz-Zentrums vom August 2011
  12. Focus Online: Atomkraft - Bundesamt für Strahlenschutz verschweigt Pläne für ein Atom-Endlager vom 28. Mai 2009
  13. Frankfurter Rundschau: Strahlenschutz-Chef König - "Wir haben keine Zeit zu verlieren" vom 1. Juni 2009
  14. Zeit Online: Energie - Regierung: Keine Privatisierung von Atommülllagern vom 22. September 2010
  15. Deutschlandradio: BfS-Präsident rechnet mit über 1,5 Milliarden Euro für Asse-II-Schließung vom 19. Januar 2010
  16. Focus Online: Atom - Bundesamt: Keine Gesundheitsgefährdung durch Asse vom 26. November 2010
  17. n-tv.de: Geheime "Ertüchtigungsmaßnahmen" - AKW hinter Zehn-Meter-Mauern vom 11. Januar 2012
  18. Spiegel Online: Atomkatastrophe würde Deutschlands Helfer überfordern vom 17. März 2012 (via WayBack)
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