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Atomenergie in Europa > Slowakei > Bohunice (Slowakei)
Weitere Atomunfälle und Störfälle > Bohunice (Slowakei)

2 aktive Druckwasserreaktoren • Leistung: 2 x 500 MW • Typ: 2 x WWER V-213 •
Hersteller: Škoda • Baubeginn: 1976 • Inbetriebnahme: 1984/1985 •[1][2]
Abschaltung: offen


Zwei aktive Reaktoren

AKW Bohunice (Slowakei)

Das Atomkraftwerk Bohunice befindet sich im Westen der Slowakei, nordöstlich der Hauptstadt Bratislava.[3]

Derzeit liefern am Standort Bohunice-3 und -4 Strom, zwei Reaktoren mit je 500 MW Leistung, die 1984 und 1985 in Betrieb genommen wurden. Drei Reaktoren wurden stillgelegt: Bohunice A1, der 1977 nach einem Unfall (vgl. unten) abgeschaltet wurde, und Bohunice-1 und Bohunice-2, die in den Jahren 2006 und 2008 vom Netz gingen. Eigentümer und Betreiber von Bohunice A1, -1 und -2 ist die Jadrova a vyradovacia spolocnost/Nuclear and Decommissioning Company, von Bohunice -3 und -4 die Slovenské elektrárne.[1] Hersteller waren: Škoda (Bohunice A1), Atomenergo Export/Škoda (Bohunice-1/-2), Škoda (Bohunice-3/-4).[2]

Zur Abschaltung der beiden älteren Reaktoren Bohunice-1 und -2 vom veralteten sowjetischen Typ WWER-440/V230 hatte sich die Slowakei im Vertrag zum Beitritt zur Europäischen Union verpflichtet.[4] Wegen einer Unterbrechung der Gaslieferungen aus Russland war 2009 die Stromversorgung in der Slowakei gefährdet, weshalb geplant war, Bohunice-2 gleich nach der Abschaltung wieder hochzufahren, was eine Verletzung des Beitrittsvertrags bedeutet hätte. Kurz darauf wurde dieser Plan wegen einer Ersatzlieferung aus Tschechien verworfen.[5][6]

Im November 2013 erklärte sich das EU-Parlament dazu bereit, die Stilllegung der abgeschalteten Reaktoren Bohunice-1 und -2 durch weitere finanzielle Mittel zu unterstützen.[7] 2017 wurde Westinghouse mit dem Rückbau der Reaktorsysteme beider Einheiten beauftragt.[8]

Partielle Kernschmelze in Bohunice A1

Die beiden gefährlichsten nuklearen Zwischenfälle in den Jahren 1976 und 1977, die sich noch in der damaligen Tschechoslowakei im Reaktor A1 ereigneten, brachten das Land zweimal an den Rand einer Katastrophe.

Im Frühjahr 1976 kamen drei Arbeiter ums Leben, nachdem sich der Deckels eines Brennelementekanals gelöst hatte und eine Brennstoffkassette herausgeschossen war. Nur aufgrund einer provisorischen Abdichtung des offenen Kanals wurde eine großer Unfall vermieden.[9]

Noch gefährlicher war eine partielle Kernschmelze am 22. Februar 1977, die als Unfall der INES-Stufe 4 bewertet wurde.[10][11] Ursache des Unfalls war, dass "das Verpackungs- und Feuchtigkeitsabsorptionsmaterial Silikagel nicht von einem Brennelement entfernt worden war und dann den Kühlkanal verstopfte." Mit dem Wasserdampf wurde radioaktive Strahlung in der Umgebung freigesetzt. Dies war nur der letzte in einer langen Reihe von Vorfällen in diesem Reaktor.[12] Laut Aussage der deutschen Bundesregierung von 1994 wurde aufgrund der Störfälle "ein großer Teil der Anlage und des Reaktorgebäudes kontaminiert."[13] Der Reaktor wurde noch am Tag des großen Unfalls im Jahr 1977 für immer abgeschaltet.[14]

Weitere Störfälle

1984 ereigneten sich in Bohunice-1 und -2 gleich mehrere Störfälle. Es trat monatelang radioaktiv belastetes Kühlwasser aus, 72 Bolzen zwischen Primär- und Sekundärkreislauf waren beschädigt, die Stromzufuhr in Reaktor 2 fiel aus, und das Kontrollsystem erhöhte die Leistung des ungeschützten AKW unkontrolliert von 80 auf 102 %.[15]

Im mittlerweile stillgelegten Bereich des AKW (Bohunice-1 und -2) wurden im August 2014 bei Arbeiten mit Salpetersäure zwei Arbeiter schwer verletzt. Einer vorangegangenen Meldung, es sei in Bohunice zu einer Explosion gekommen, widersprach die für den Rückbau zuständige Spezialfirma.[16]

Ausbau fraglich

Im April 2008 kündigte die slowakische Regierung Pläne für einen neuen Reaktor in Bohunice mit 1.000 bis 1.600 W Leistung an, möglicherweise mit westlicher Technik,[17] die sich aber bislang nicht weiter konkretisiert haben. Nach einer Meldung von 2012 war zwar eine Inbetriebnahme neuer Einheiten bis 2025 geplant, es gab aber große Probleme mit der Finanzierung des 4 bis 6 Mrd. Euro teuren Projekts.[18]

Die Slowakei verhandelte 2013 mit sechs AKW-Lieferanten wegen neuer Reaktoren in Bohunice. Die Verhandlungen mit dem russischen Energiekonzern ROSATOM gerieten im Juli 2013 ins Stocken, als das Unternehmen eine Strompreisgarantie forderte. Da diese derzeit nicht möglich wäre, müsste der slowakische Staat die Differenz übernehmen, wie der slowakische Wirtschaftsminister Tomas Malatinsky erklärte.[19]

Nach einer Meldung von 2014 verlangte ROSATOM keine Abnahmegarantien mehr. Die Kosten für das Projekt stiegen jedoch weiter und wurden auf 5 bis 10 Mrd. Euro geschätzt.[20]

Bei der World Nuclear Association (WNA) wird eine geplante neue Einheit in Bohunice mit 1.200 MW angegeben, die 2025 in Betrieb gehen könnte.[17]

→ Slovenské elektrárne: Bohunice V2 NPP (Website des Betreibers)

(Letzte Änderung: 10.05.2021)

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 IAEO: PRIS - Country Statistics/Slovak Republic abgerufen am 9. Mai 2021
  2. 2,0 2,1 IAEO: LES CENTRALES NUCLEAIRES DANS LE MONDE von 1997
  3. WNA Reactor Database: Bohunice 3, Slovakia abgerufen am 9. Mai 2021
  4. nuklearforum.ch: Slowakei stellt Kernkraftwerk Bohunice-2 wie geplant ab vom 7. Januar 2009
  5. Spiegel Online: Gaskrise: Slowakei knipst Atomkraftwerk wieder an vom 10. Januar 2009
  6. diepresse.com: Energie: Atomkraftwerk Bohunice geht nicht in Betrieb vom 19. Januar 2009
  7. nuklearforum.ch: Mehr EU-Unterstützung für Stilllegungen in Osteuropa vom 25. November 2013
  8. nuklearforum.ch: Westinghouse: Auftrag für Rückbauarbeiten in Bohunice vom 4. Oktober 2017
  9. DER SPIEGEL 30/1990: Ohne Megawatt keine Prämie vom 22. Juli 1990
  10. theguardian: Nuclear power plant accidents: listed and ranked since 1952 vom 18. März 2011
  11. jaif.or.jp: Lessons learned - WANO action to improve Nuclear Safety vom 7. August 2012
  12. strahlentelex.de: Havarien ohne Ende im KKW A1 in Jaslovske Bohunice von 2008
  13. Deutscher Bundestag: Radioaktive Altlasten in den Nachfolgestaaten der UdSSR und in Osteuropa (Drucksache 12/8410. S. 27) vom 1. September 1994
  14. IAEO/PRIS: Bohunice A1 abgerufen am 10. Mai 2021
  15. DER SPIEGEL 17/1987: Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken vom 19. April 1987
  16. Augsburger Allgemeine: Chemieunfall in stillgelegtem Atomkraftwerk vom 19. August 2014
  17. 17,0 17,1 WNA: Nuclear Power in Slovakia abgerufen am 10. Mai 2021
  18. wienerzeitung.at: Neuer Reaktor in AKW Bohunice kommt frühestens 2025 vom 3. Oktober 2012
  19. nuklearforum.ch: Rosatom verlangt Garantien für Neubau in Slowakei vom 18. Juli 2013
  20. gtai.de: Slowakei investiert massiv in die Atomenergie vom 11. Februar 2014 (via WayBack)
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